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Die Wahl der Perspektive ist für eine Geschichte eine wesentliche Entscheidung. Folgende Möglichkeiten können in Betracht gezogen werden:

1. Person (Ich-Erzähler)

Der Ich-Erzähler erzählt die Geschichte aus der Sicht einer bestimmten Person. Dabei müssen Person und Erzähler nicht identisch sein.

Ziellos spazierte ich durch die frostkalte Nacht. Um diese Zeit war die Innenstadt einsam wie ein Friedhof. In einer kleinen Gasse nahe der historischen Altstadt kam mir eine Frau entgegen. Unsicher stakste sie mit ihren hochhackigen Schuhen über das grobe Kopfsteinpflaster. Offensichtlich trug sie solche Schuhe nur selten. Ich hatte sie fast passiert, als sie mich ansprach.

„Haben Sie Feuer?“

„Ja, einen Moment.“ Fieberhaft suchte ich in den Innentaschen meines Mantels nach dem Feuerzeug, während sie in ihrer schwarzen Lederhandtasche nach etwas fischte. Dabei rutschte ihr ohnehin schon kurzer Latex-Minirock hoch und offenbarte mir ihren spitzenbesetzten Slip. Und das bei dieser Kälte.

Eine in dieser Form erzählte Geschichte wirkt meist glaubwürdiger, stellt aber auch höhere Ansprüche an den Erzähler, weil nur die Ereignisse erzählt werden können, bei denen die Hauptperson anwesend war. Wenn wir beispielsweise im oberen Fragment dem Leser erklären wollten, welches Ziel die Frau mit ihrer luftigen Kleidung verfolgt, dann haben wir ein Problem.

Üblicherweise gibt es einen Trick: Eine andere Person, die das entsprechende Wissen besitzt, erzählt es der Hauptperson. Das ist hier nicht anwendbar, weil eine weitere Person die Szene stören würde und auch schlecht im Beisein der Frau ihre Ambitionen erzählen kann.

Da die Geschichte im Imperfekt erzählt wird, muss die erzählte Geschichte bereits vergangen sein, wir könnten daher auf Wissen zurückgreifen, welches die Hauptperson erst später erwerben wird:

Warum lief diese Frau bloß so spärlich bekleidet rum? Später erzählte sie mir, dass dies eine ihrer erfolgreichsten Anmach-Taktiken war.

Diese Information nimmt allerdings ein Spannungselement der Szene, weil der Leser jetzt weiß, dass sich die beiden noch intensiver unterhalten werden.

3.Person (Der Erzähler als im Geschehen unbeteiligte Person)

Ziellos spazierte John durch die frostkalte Nacht. Um diese Zeit war die Innenstadt einsam wie ein Friedhof. In einer kleinen Gasse nahe der historischen Altstadt kam ihm eine Frau entgegen. Unsicher stakste sie mit ihren hochhackigen Schuhen über das grobe Kopfsteinpflaster. Offensichtlich trug sie solche Schuhe nur selten. John hatte sie fast passiert, als sie ihn ansprach.

„Haben Sie Feuer?“

„Ja, einen Moment.“ Fieberhaft suchte er in den Innentaschen seines Mantels nach dem Feuerzeug, während sie in ihrer schwarzen Lederhandtasche nach etwas fischte. Dabei rutschte ihr ohnehin schon kurzer Latex-Minirock hoch und offenbarte ihm ihren spitzenbesetzten Slip. Und das bei dieser Kälte.

In dieser Erzählform wird des Weiteren zwischen der Art des Erzählers unterschieden. Die einfachste Form ist:

Der allwissende (auktoriale) Erzähler

Dieser Erzähler kann in die Köpfe sämtlicher Personen blicken. Obiges Fragment könnte folgendermaßen fortgesetzt werden:

Der Anblick ihres Slips erregte ihn. Ein sanftes Kribbeln breitete sich von den Hüften durch seinen ganzen Körper aus und zeigte erste Spuren.

Die Frau konnte die Ausbeulung seiner Jeans bereits sehen. Dass es so einfach war, hätte sie nicht gedacht. Nur kurz den Rock heben und schon hing er an der Angel.

Der Erzähler berichtet zunächst vom Innenleben des Mannes und wechselt anschließend zur Gefühlswelt der Frau. Der Erzähler kann den Leser problemlos an allen „Insider“-Informationen teilhaben lassen. Und genau darin liegt auch die Gefahr.

Beim unerfahrenen Autor erscheinen dem Leser die Charaktere schnell wie Figuren in einem Spiel, die vom Erzähler nach Belieben manipuliert werden.

Auch kann der Autor aus Spannungsgründen nicht mehr ohne weiteres Informationen vorenthalten, denn der Leser erkennt schnell, dass der Erzähler allwissend ist. Darüber hinaus erschwert der ständige Wechsel dem Leser die Identifikation mit den Personen.

Diese Form des Erzählers gilt nicht mehr als zeitgemäß und wird vom Autor durch einen ungewollten Wechsel der Perspektive meist versehentlich angewendet.

Noch eine Frage: Hat jeder den logischen Fehler der oberen Szene bemerkt? Per Definition ist ein Mantel so lang, dass er den Schritt verdeckt, die Ausbeulung hätte von der Frau nicht gesehen werden können. Tja, auf was man als Autor alles achten muss...

Der fast allwissende (eingeschränkt auktoriale) Erzähler

Heutzutage kommt meist der eingeschränkt auktoriale Erzähler zum Einsatz. Hier bleibt der Erzähler mindestens für eine Szene im Kopf einer einzigen Person und lässt den Leser an den Gedanken und Gefühlen dieser Person teilhaben. Im Normalfall wählt der Erzähler diejenige Person, welche in der Szene am stärksten emotional involviert ist. Unser Grundfragment könnte bei einem eingeschränkt auktorialen Erzähler folgendermaßen weitergehen:

Der Anblick ihres Slips erregte ihn. Ein sanftes Kribbeln breitete sich von den Hüften durch seinen ganzen Körper aus und zeigte erste Spuren. Hoffentlich bemerkte sie seine Erregung nicht, es wäre ihm peinlich gewesen. Warum sie sich überhaupt so aufführte. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass ihr Rock versehentlich hoch gerutscht war. Als Übersprungshandlung suchte er nun noch hektischer nach seinem Feuerzeug.

Mit einem Mal hakte die Frau sich bei ihm ein. „Lass uns zu mir gehen“

Na, das konnte ja noch heiter werden.

Jetzt Szenenwechsel, Ankunft in der Wohnung der Frau, der Erzähler ist nun in ihrem Kopf:

Es dauerte nicht lange, bis sie ihre Wohnung betraten. Sie konnte es kaum fassen, wie schnell sie jemanden aufgegabelt hatte. Aber dieser Typ war ja auch sowas von naiv, schon geradezu süß, diese Vertrauensseligkeit. Ging einfach mit in die Wohnung einer wildfremden Frau. Was da alles passieren konnte. Zuerst kam sie sich unglaublich nuttig vor, aber genau das war ja auch der Plan gewesen. Manchmal hatte ihr Mann doch gute Einfälle. Hoffentlich hatte er sich so mit seinem Baseballschläger in der Diele postiert, dass er ihre Begleitung ohne Gegenwehr bewusstlos schlagen konnte.

Und immer daran denken: Das, was der Leser am wenigsten erwartet, genau das sollte als Nächstes passieren!

Der objektive Erzähler

Diese Form des Erzählers hat keinen Einblick in das Innenleben der Figuren und kann daher nur objektiv schildern, was sie tun:

Er spazierte durch die frostkalte Nacht. Um diese Zeit war die Innenstadt einsam wie ein Friedhof. In einer kleinen Gasse nahe der historischen Altstadt kam ihm eine Frau entgegen. Unsicher stakste sie mit ihren hochhackigen Schuhen über das grobe Kopfsteinpflaster. John hatte sie fast passiert, als sie ihn ansprach.

„Haben Sie Feuer?“

„Ja, einen Moment.“ Beide suchten nach etwas, er in seinem Mantel, sie in ihrer schwarzen Lederhandtasche. Dabei rutschte ihr ohnehin schon kurzer Latex-Minirock hoch und offenbarte ihren spitzenbesetzten Slip.

Mit einem Mal hakte die Frau sich bei ihm ein. „Lass uns zu mir gehen“

Es dauerte nicht lange, bis sie ihre Wohnung betraten. John hatte keine drei Schritte getan, als ein Schatten auf ihn zu surrte und er das Bewusstsein verlor.

Diese Erzählform wird normalerweise nur für bestimmte Szenen gewählt, wenn der Autor den Leser über die Intentionen der Figur im Dunkeln lassen möchte. Der Leser soll sich selbst einen Reim auf die Aktionen der Figur machen.

Etwas aufgelockert werden kann dieser Stil durch Vermutungen des Erzählers. Diese könnten dann geschickt dazu eingesetzt werden, den Leser in die Irre zu führen, wie es bei manchen Krimis der Fall ist.

2. Form

Die mit Abstand seltenste Form suggeriert dem Leser, eine Figur der Geschichte zu sein:

Ziellos spazierst du durch die frostkalte Nacht. Um diese Zeit ist die Innenstadt einsam wie ein Friedhof. In einer kleinen Gasse nahe der historischen Altstadt kommt dir eine Frau entgegen. Unsicher stakst sie mit ihren hochhackigen Schuhen über das grobe Kopfsteinpflaster. Offensichtlich trägt sie solche Schuhe nur selten. Du hast sie fast passiert, als sie dich anspricht.

„Haben Sie Feuer?“

„Ja, einen Moment.“ Fieberhaft suchst du in den Innentaschen deines Mantels nach dem Feuerzeug, während sie in ihrer schwarzen Lederhandtasche nach etwas fischt. Dabei rutscht ihr ohnehin schon kurzer Latex-Minirock hoch und offenbart dir ihren spitzenbesetzten Slip. Und das bei dieser Kälte.

Diese Form funktioniert nur dann, wenn der Erzähler ein Verhalten beschreibt, dass der Leser auch tatsächlich ausführen würde. Andernfalls fühlt sich der Leser permanent bedrängt, weil er sich anders verhalten würde.

Optimal eignet sich diese Form, wenn Unterwürfige als Zielgruppe angesprochen werden. Also ein gutes Mittel für BDSM.

Um das Dom-Sub-Verhältnis zu verstärken, kann der Erzähler in eine der Figuren schlüpfen:

Ziellos spazierst du durch die frostkalte Nacht. Um diese Zeit ist die Innenstadt einsam wie ein Friedhof. In einer kleinen Gasse nahe der historischen Altstadt komme ich dir entgegen. Mit meinen hochhackigen Schuhen überrage ich dich um fast einen Kopf. Du hast mich fast passiert, da spreche ich dich an.

„Hast du Feuer?“

„Ja, einen Moment“, antwortest du. Fieberhaft suchst du in den Innentaschen deines Mantels nach dem Feuerzeug, während ich in meiner schwarzen Lederhandtasche nach den Zigaretten krame. Dabei rutscht mein ohnehin schon kurzer Latex-Minirock hoch und offenbart dir meinen spitzenbesetzten Slip.

Viel Spaß bei der Wahl der Perspektive.



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Verfasser: MarquisSauvage


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