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Lesungen: 811 | Bewertung: 7.97 | Kategorie: Sonstiges | veröffentlicht: 28.10.2019

Der Entmannte im Eis (Langversion)

von

Hallburg ist eine nicht unbedeutende Stadt, eher im Süden Deutschlands gelegen, an beiden Ufern eines gemächlich fließenden Gewässers und umgeben von sanften Hügeln, an denen malerische Dörfer liegen, gekrönt von mancher Burg. Die meisten davon sind allerdings weder von besonderer Bedeutung, noch von gutem Zustand, also muss man wohl von Burgruinen sprechen. Etliche schmucke Kirchlein sind jedoch intakt, werden gepflegt und einige davon auch von Wallfahrern heimgesucht. Und wie das bei Städten eben so ist, leben nicht alle Menschen dort in friedlicher Koexistenz, sodass ein markantes Gebäude nahe der Altstadt der Polizei mit all ihren verschiedenen Abteilungen Unterkunft bietet.

Auf Zimmer 14-095 des Polizeipräsidiums Hallburg ging es hoch her. Die ‚Soko XXL‘ feierte den erfolgreichen Abschluss des Falles, dem sie ihren Namen verdankte. Ein Serienvergewaltiger und -mörder war gefasst und saß in Untersuchungshaft. Ein Geständnis lag auch bereits vor, sodass für ein Weiterbestehen der Soko wohl keine Veranlassung bestand.

Die vier Musketiere, wie sie sich die erfolgreichen Kriminalbeamten KHK Tom Schrötter, KHK Hajo Fussenegger, KOK Michael „Mike“ Rackelt und die Neue, KOK Nina „Muschi“ Muschetzky in Anlehnung an die richtige Aussprache von Muschetzky seit dem XXL-Fall nannten, hatten bis zum offiziellen Dienstende um fünf alle notwendigen Berichte geschrieben, alle Unterlagen in den Akten abgeheftet und nun beschlossen, den Erfolg und das Ende der Soko gebührend zu feiern. Dr. Hannes Schlaechter, der Pathologe, der wegen seines Namens davor zurückgeschreckt war, sich lebenden Patienten zu widmen und Doris Fussl von der KTU waren auch eingeladen. Doris hatte die entscheidende zweite DNA auf den Riesenkondomen entdeckt und auch sonst sehr entgegenkommend gehandelt. Bald kam das Gespräch wieder einmal auf Ninas Undercover-Mission, wo sie splitternackt in den Isarauen einen aggressiven Sexualstraftäter dingfest gemacht hatte. „Wie wäre es mit einer Strip-Vorführung?“, regte Schlaechter an, aber Nina lehnte zunächst kategorisch ab.

Nachdem sich aber auch Schrötter, Fussenegger und sogar Doris Fussl, die seit Jahren ein Verhältnis mit Hajo pflegte – wegen ihrer ähnlichen Namen Fussl und Fussenegger waren sie bei einem Seminar in ein angeregtes Gespräch gekommen – mehr als interessiert zeigten und Ninas aktueller Liebhaber, Kriminaloberkommissar Mike Rackelt, nur belustigt grinste, gab sie nach. Teilweise zumindest. „Okay, aber ich tu nur so, okay?“ Und ehe sich die anderen Gedanken machen konnten, wie man bei einem Striptease ‚nur so tun‘ konnte, sprang sie auf Mikes Schreibtisch und bewegte sich geschmeidig zu einer imaginären Musik, streifte einen ebenso imaginären Rock langsam ab und tat nun so, als knöpfe sie eine Bluse auf. Gerade, als sie einen BH öffnete, obwohl sie unter ihrem T-Shirt gar keinen trug, klopfte es an der Tür. Kriminaldirektor Friedhelm Wummerbäck steckte den Kopf herein. ‚Der alte Wummer‘, den man einzuladen ‚vergessen‘ hatte!

Der sah sich interessiert um, schüttelte den Kopf und ließ die Bombe platzen: „Ende der Fete, es gibt Arbeit!“

Schrötter, Fussenegger, Schlaechter und Doris Fussl erstarrten, Ninas Bewegungen gingen auf Zeitlupe und Rackelt stammelte sinnlose Silben. Ehe sich jemand von seiner Sprachlosigkeit erholt hatte oder darauf hinweisen konnte, dass sie allesamt außer Dienst waren, verkündete der Chef sachlich: „Normalerweise hätte ich Ihnen das morgen bei Dienstantritt erklärt, aber die Umstände … Jedenfalls habe ich beschlossen, und das Ministerium ist einverstanden, dass die Soko XXL zwar aufgelöst ist, die Mitglieder aber beisammenbleiben, da sie sich bewährt haben. Ab sofort als Abteilung ‚Gewaltverbrechen römisch vier‘. Und da gerade ein Fall hereingekommen ist, der wirklich prädestiniert für diese Gruppe scheint, ist das jetzt euer Fall. Es sei denn, ihr lehnt das alles ab. Dann …!“ Er wedelte mit der Hand, als sei das unvorstellbar und sparte sich die Ausführung der dahinter lauernden Drohung.

Schrötter schaute in drei erwartungsvolle Augenpaare, erkannte Freude und Zustimmung und sah dann Wummerbäck fragend an. „Worum geht es? Ist der Niehart ausgebrochen?“

„Nein, nein, unser mörderischer Fußballfan“ – ‚Die Wumme‘, wie Wummerbäck auch genannt wurde, schüttelte sich vor Abscheu – „sitzt in sicherem Gewahrsam, aber es kam gerade eine Meldung rein von ‚Hallo vierzehn-zwo‘, einem Streifenwagen vom Revier Hallburg Süddost. Tja, es klang ein wenig seltsam, aber anscheinend hat einer in einer total vereisten Gefriertruhe ein männliches Genital gefunden. Ob es auch eine Leiche dazu gibt, ist noch unklar. Macht euch auf die Socken. Schlaechter, Sie fahren am besten auch gleich. Fussl, holen Sie ihre Sachen und Verstärkung, wenn sie eine brauchen. Ab mit euch! Morgen ganz früh Bericht bei mir im Büro, damit das klar ist. Hier ist die Adresse!“ Er reichte Schrötter einen Zettel, drehte sich um und verschwand.

„Der macht jetzt Feierabend!“, nörgelte Fussenegger, der sich auf einen kuscheligen Abend mit Doris gefreut hatte. Aber die Freude, dass sie weiterhin miteinander arbeiten durften, überwog deutlich. „Ich finde das super, dass wir weiter zusammen arbeiten können. Hatte selten so viel Spaß an dem Job wie in den letzten Tagen. Danke dafür, Muschi!“ Nina sah ihn streng an, weil er den ihr seit Schülerzeiten anhängenden und eher unbeliebten Spitznamen verwendet hatte. Doch der grinste freundlich und daher nahm es Nina nicht tragisch.

„Okay, Fuzzy!“, kreierte sie spontan einen neuen Spitznamen für Kriminalhauptkommissar Hajo Fussenegger, der bisher ohne so etwas auch ganz gut über die Runden gekommen war. Seine oft etwas struppige Frisur widersprach diesem keineswegs. Das verhaltene Gekichere der anderen Anwesenden gab ihm einen Hinweis, dass er ‚Fuzzy‘ wohl behalten würde. Dagegen war nichts zu machen und mit ‚Fuzzy‘ konnte er leben. Doris wohl auch, denn sie strich ihm kurz zärtlich über sein Bäuchlein und verschwand, um ihre Ausrüstung zu holen. Auch Tom, Mike, Nina und ‚Fuzzy‘ packten ihre Sachen, steckten ihre Waffen in die Halfter - und ‚Gewalt IV‘ machte sich wie angeordnet ‚auf die Socken‘.

Knapp eine halbe Stunde später traf die ganze Mannschaft inklusive Gerichtsmediziner und Spurensicherung in einer Reihenhaussiedlung an der südlichen Peripherie von Hallburg ein. Auf der Stichstraße standen zwei Streifenwagen. Vier Polizisten sicherten den Zugang und schreckten neugierige Nachbarn ab. Einer kam auf die Kriminalpolizisten zu, salutierte, als Schrötter seinen Ausweis präsentierte und stellte sich als Polizeiobermeister Moosbach vor. „Erlauben Sie, dass ich zusammenfassend berichte, was wir bisher erhoben haben?“ Schrötter nickte aufmunternd. „Gut, also! Das Haus da, Lilienweg acht, gehört einem Herrn Burgmeier, mit zwei „e“ und „i“. Ihm gehören da drei ganze Reihen mit je sechs Häusern. Lilienweg zwei bis zwölf in dieser Reihe, eins bis elf auf der anderen Straßenseite und eine Reihe am Begonienweg. Er selber wohnt dort am Ende, Nummer elf mit dem großen Garten an drei Seiten. Der Zugang ist von der parallel hierzu verlaufenden Stichstraße …“

„Nur die Ruhe! Vergessen Sie nicht, gelegentlich Luft zu holen!“, unterbrach Schrötter den Redeschwall.“ Moosbach schaute verdutzt, kam leicht aus dem Konzept und fuhr stotternd fort:


„Äh, also, Be-be-Begonienweg zehn. Wo-wohnt er. De-der Burgmeier. Das Haus hier hat er vor gut zwei Jahren an einen Italiener vermietet, einen Massimo Ardente, fünfunddreißig Jahre alt und aus Mailand. Er ist Vertreter für ‚Dolgelato‘, eine neue Speiseeismarke, die er hier in Süddeutschland platzieren soll. Als er einzog, hatte er grad mehr als zweihunderttausend Euro im Casino gewonnen. Ich habe angerufen, es stimmt. Mit Burgmeier kam er zusammen, weil der wegen der Kreditraten knapp bei Kasse war und das Dach sanieren musste. Das kam beiden gelegen. Burgmeier bekam siebzigtausend im Voraus, dafür zahlte Ardente nur zwanzig Monatsmieten für zwei Jahre. Und die Kaution war auch darin enthalten. Nach Ablauf der zwei Jahre meldete sich Ardente nicht, …“

„Wann war das genau? Dass der Mietvertrag ablief, meine ich.“

„Ende Mai. Damals kam Burgmeier her, um anzuklingeln. Wollte wissen, ob der Italiener verlängern oder ausziehen wollte. Er war aber nicht erreichbar. Nicht ungewöhnlich bei einem Vertreter mit einem so großen Verkaufsgebiet. Burgmeier warf eine Nachricht durch den Briefschlitz. Am Tag darauf erlitt er einen Herzinfarkt und hatte anderes zu denken als an Ardente. Immerhin hatte er ja auch noch die Kaution. Erst heute Morgen kam er wieder vorbei, diesmal mit Schlüssel. Sofort fiel ihm ein Riesenhaufen Werbematerial hinter der Eingangstür auf. Alles deutet darauf hin, dass sich Ardente aus dem Staub gemacht hatte. Doch alle Sachen vom Mieter waren noch da. Burgmeier war es erst einmal egal, er ging aber nachsehen, ob Ardentes Alfa noch in der Garage stand. Das tat er auch.“

„Moment mal! Alle Sachen waren noch da und sogar das Auto? Das hat diesen Burgmeier nicht gewundert? Wer tut denn so etwas?“

„Ja, ha-hab ich auch gefragt. Burgmeier sagt, wenn einer einmal so viel Geld im Casino gewinnt, könnte er das auch ein zweites Mal tun. Vielleicht war es diesmal so viel, dass er ein ganz neues Leben als Millionär anfangen wollte.“

Schrötter schüttelte den Kopf. Das war ihm nicht geheuer. Wenn er Millionen gewinnen würde … Das würde nicht passieren, weil Schrötter nicht spielte, nicht im Casino, nicht in der Lotterie, nicht einmal Fußballtoto. Aber wenn doch, hätte er niemals seine Sachen einfach zurückgelassen, schon gar nicht einen Alfa Romeo! Seiner Meinung nach war Ardente nicht nach bella Italia verschwunden und auch sonst nirgendwohin! Er nickte Moosbach zu, im Bericht fortzufahren.

„Äh, ja! Hinter dem Alfa steht aber eine riesige Gefriertruhe, die auf vollen Touren lief, weil der Deckel nicht ganz geschlossen war. Der Innenraum war komplett vereist. Ein richtiger Gletscher! Burgmeier schaltete ab und ließ das Eis auftauen. Damit es schneller ging, klemmte er einen Fön zwischen Truhe und Deckel. Alle paar Stunden kam er nachsehen und schöpfte Wasser ab, das ja nicht abrinnen konnte. Irgendwann fiel ihm ein, dass da eventuell noch Probepackungen Eis drin sein könnten und fischte danach. Auf einmal hielt er einen – äh – Sch… - äh – ein Gemächt in der Hand. Fast hätte er den nächsten Infarkt bekommen, aber er begnügte sich doch damit, sein Mittagessen auf dem Garagenboden zu verteilen. Jetzt ist er daheim bei Frau und Hund. Inzwischen sieht man auch andere Körperteile, zum Beispiel einen Fuß, der das Schließen des Deckels verhindert hat. Laut den Nachbarn hat man Ardente seit ewig nicht mehr gesehen Das letzte konkrete Datum, an das man sich erinnert, ist der 2. Juni vor einem Jahr. Da hat er aus Anlass des italienischen Nationalfeiertags ein Feuerwerk abgebrannt. Das genau Datum wussten sie nicht, aber das habe ich recherchiert“, berichtete Moosbach stolz. „Danach, im Juli vermutlich war er auch noch da. Anscheinend hat er angekündigt, zu Ferragosto nach Hause fahren zu wollen. Seither nichts. Niemand hat ihn gesehen.“

„Danke, das war eine gute Zusammenfassung!“

„Ach ja, man erzählt auch, Massimo Ardente wäre ein Schürzenjäger, der im ersten Jahr seines Hierseins alle paar Wochen eine neue Freundin anschleppte. So ‘ne Art Papagallo, ne? Alles richtige Zuckerschnecken, alle blond, meistens verheiratet, sagt der Sohn von Nummer fünfzehn. Das ist die nächste Reihe südlich, gegenüber. Er ist neunzehn und auch so ein Filou. Hoffe, Sie können daraus was machen!“

„Sehr gut, Moosbach! Haben sie eine Aufstellung, wer wo wohnt und wem die Häuser gehören?“ Moosbach reichte ihm wortlos eine akribisch erstellte Liste. ‚Guter Mann!‘, dachte Schrötter und überlegte, ob er ihn mehr einbinden könnte.

Der Gerichtsmediziner war mit den Leuten von der Spurensicherung schon in die Garage vorausgegangen. Inzwischen war schon der ganze Unterschenkel frei. „Können Sie schon was sagen, Doc?“, fragte Schrötter, wie das auch alle Kommissare im Fernsehen fragen.

„Ein nackter Fuß, von einem Mann. Mehr, wenn ich ihn auf dem Tisch habe!“, antwortete Schlaechter exakt nach Fernsehdrehbuch und grinste.

„Kann man das Auftauen nicht beschleunigen? Mit Streusalz oder so?“, fragte Mike.

„Mit Streusalz?“, fragte Schlaechter entgeistert. „Das könnte Spuren vernichten!“

„Oder mit Mineralwasser?“, warf Nina ein. „Ich habe auf einer Flasche gelesen, dass es enteisend wirkt.“

Schlaechter grunzte. Dann prustete er los. „Meine Liebe, da stand ganz gewiss nicht ‚enteisend‘, sondern ‚enteisent‘. Mit hartem ‚t‘ hinten! Das heißt, dass dem Wasser Eisen entzogen wurde, nicht Eis! Nein, nein, das muss leider mit thermischer Kraft gemacht werde!“ Er schöpfte Wasser aus der Truhe, goss eine kleine Menge in ein Glasfläschchen und den Rest durch ein feines Tuch, um alle Partikel zu sichern.

Schrötter überlegte. „Ich glaube, hier können wir vorläufig nicht viel ausrichten. Hajo, fahr zurück ins Präsidium und kontaktiere die Kollegen in Mailand und die Firma Dolgelato! Wir müssen mehr über diesen Ardente wissen.“ Fussenegger ließ sich von Mike die Wagenschlüssel geben und verschwand.

„Passender Name übrigens für einen italienischen Lover. Ardente heißt heiß, feurig, leidenschaftlich, brünstig und so weiter“, warf Nina ein, die nach der Schmach mit dem ‚enteisenden Mineralwasser‘ bemüht war, ihre Kenntnisse anzubringen.

„Hat aber auch nichts genützt“, ätzte Schrötter und bohrte in der Wunde. „So heiß war er nicht, dass es ‚enteisend‘ gewirkt hätte. Sonst bräuchten wir keinen Fön!“ Nina schluckte eine Entgegnung hinunter. „Ich gehe davon aus, dass die Leiche in der Truhe der verschwundene Italiener ist. Ob er bei lebendigem Leib entmannt wurde oder post mortem, wird die Obduktion zeigen. Die Frage ist aber, warum? Wer macht so etwas. Für mich deutet alles auf eine Eifersuchtstat hin. Wenn man seinen Ruf bedenkt, könnte es eine Menge Männer mit Motiv geben. Wir müssen was über seine Eroberungen herauskriegen. Und deren Männer! Nina, Mike, schnappt euch diesen Moosbach und klappert noch einmal die Nachbarschaft ab. Wer hat eine seiner Freundinnen gesehen? Ich will alles wissen, was immer die Nachbarn mitgekriegt haben. Namen, Kosenamen, Aussehen, Kleider. Vielleicht hat eine Dame ein seltenes Kleidungsstück erkannt. Oder Schuhe, Handtaschen! Louboutins, Gucci oder sowas. Auto, Fahrrad, Moped, was weiß ich. Los! Ich schau, ob die Spusi schon was gefunden hat, was wir auswerten können, Computer, Tagebuch, Adressen, Handy und so weiter. Alle Erkenntnisse werden sofort ausgetauscht. Los geht’s!“

Sie beschlossen, sich vorläufig auf den Lilienweg zu konzentrieren, denn vom Begonienweg oder dem auf der anderen Seite parallel verlaufenden Gladiolenweg konnte man kaum etwas Zweckdienliches beobachten. Mike übernahm die Häuser links von Ardentes Wohnung bis zum Ende der Reihe und sollte dann auf die andere Straßenseite wechseln, immer im Uhrzeigersinn´. Nina klapperte die Häuser in der anderen Richtung ab. Irgendwann würden sie drüben auf der anderen Seite zusammentreffen. Moosbach sollte die Dienstleister und Ladengeschäfte in der Umgebung besuchen, Friseur, Drogeriemarkt, Penny, das Konditorei-Café ‚Unverblümt‘ und die Lottoannahmestelle.

Nina klingelte an der Tür von Nummer sechs, aber niemand öffnete. Urlaubszeit! Das würde wohl noch öfter passieren. Gut, so kam sie schneller weiter. Beim Nächsten Haus öffnete ein rüstiger Rentner in Ringel-T-Shirt und kurzen Hosen und bat Nina auf seine Terrasse, die auf dem Flachdach der Doppelgarage zwischen Haus zwei und vier lag und Zugang von beiden Häusern hatte. Als Trennlinie fungierten nur drei Blumentöpfe mit Palmen, von denen eine blühte. Der Rentner nötigte Nina zu einer Limonade. Über Ardente wusste er zwar, dass dieser häufig Frauenbesuch hatte, aber die Beschreibungen waren kaum erhellend. Während Joseph Mülleiner, so hieß der Rentner, geschwätzig über seine eigenen Vorlieben bei Frauen – rothaarig mit Monsterbusen – seine Krankheiten und seine Enkel faselte, trank Nina die Limo aus, denn sie war tatsächlich durstig. Dann verabschiedete sie sich schleunigst und klingelte bei Frau Dinkelsam, der Mieterin von Nummer zwei. Nach Moosbach war die Frau Mitte dreißig und recht lebenslustig, hatte aber mit Ardente nichts gehabt.

Kurz kam ihr in den Sinn, dass sie unbedingt mit den Bewohnern von Haus Nummer sechs sprechen musste, denn die teilten sich ja mit Ardente die Terrasse über der Doppelgarage zwischen ihren Häusern. Aber da war ja niemand zu Hause. Kurz entschlossen wollte sie Herrn Burgmeier anrufen, als die Tür aufging. „Ja?“

Nina zeigte ihren Ausweis. „Nina Muschetzky von der Kripo Hallburg. Frau Dinkelsam?“

„Ja?“, fragte Frau Dinkelsam lauernd und machte keinerlei Anstalten, die Tür freizumachen.

„Es geht um Herrn Ardente von Nummer acht. Darf ich hereinkommen?“

„Äh!“, sagte Frau Dinkelsam, ohne ihre Hand vom Türstock zu nehmen. „Ich dachte, es sei ein Bekannter!“ Dann drehte sie sich um. „Es ist die Polizei, Schatzi!“, rief sie über ihre Schulter, worauf hektische Betriebsamkeit hörbar Platz griff. Erst jetzt bat sie Nina hinein. Die schaute sich aufmerksam um reimte sich einiges zusammen. Es roch auch deutlich nach Marihuana, aber jemand hatte alle Utensilien in Sicherheit gebracht. „Schatzi, wo bist du?“

„Oben, auf der Terrasse“ Der Jupp ist auch da!“

„Ihr Mann?“, fragte Nina, obwohl sie genau wusste, dass Frau Miriam Dinkelsam verwitwet war, reich verwitwet.

„Nein. Ein – äh – Bekannter. - Komm runter, Fred!“

Fred erschien und trug nur Bermudas. Nina fiel auf, dass auch die Wohnungsinhaberin nur sehr leicht bekleidet war. Ein dünnes Sommerkleid, kein BH, möglicherweise auch sonst keine Unterwäsche, so sittsam, wie sie auf der Couch saß. Ach! Und da erwartete sie noch einen Bekannten? Da war wohl eine kleine Sommerorgie in Planung! „Nur ein paar Fragen, dann bin ich wieder weg“, versprach Nina. „Kannten Sie den Herrn Ardente?“

„Den Eisfritzen von Nummer acht?“

„Ja, genau den. Wann haben Sie den das letzte Mal gesehen?“

„Ist ja schon eine Ewigkeit her. Der ist doch vor einem Jahr oder so ausgezogen.“

‚Ausgezogen ist er schon, aber nicht aus dem Haus!‘, dachte Nina, fragte aber: „Haben Sie da mit ihm gesprochen?“

„Nein, der hat überhaupt nicht mit mir gesprochen. Ich war für den Luft oder noch weniger. Also habe ich ihn auch ignoriert. Ich bin ja nicht blond!“ In der Tat hatte sie lange schwarze Haare, zwar gefärbt, aber auch von Natur war sie eher dunkel. „Was ist denn mit dem?“

„Danke, Frau Dinkelsam, ich wünsche noch einen angenehmen Abend. Ich muss weiter!“ Nina ging allein zur Haustür und sah im Spiegel, wie sich Miriam Dinkelsam im Wohnzimmer das Kleid über den Kopf zog. Sie war wirklich darunter ganz nackt. Nina grinste. Zu anderen Zeiten und Gelegenheiten …

Bevor sie auf die andere Straßenseite wechselte, ging sie ein paar Schritte zurück und rief Herrn Mülleiner an den Rand der Terrasse. „Haben Sie eine Ahnung, wann die Bewohner von Nummer sechs nach Hause kommen?“

„Die Zecke? Die ist im Sanatorium. Lässt sich wohl mal wieder liften. Nützt aber nichts. Da beißt keiner mehr an!“

„Und ihr Mann?“ Laut Moosbachs Aufstellung war Herlinde Zögge verheiratet.

„Der hat sich schon lange vertschüsst. Das Auto hat er mitgenommen, sonst nicht viel. Keine Ahnung, wo der hin ist. Die Zecke hat keinen Führerschein, deswegen hat sie dem Itaker auch ihre Hälfte der Garage überlassen.“ Nina erinnerte sich, dass neben dem Alfa Romeo eine Trennwand verlief. Umgehend informierte sie Tom Schrötter, der ja noch das Haus des Opfers inspizierte. „Du, Tom, der Ardente hat auch die Garage vom Nachbarn dazu gemietet. Da wohnt eine Frau Zögge allein, die keinen Führerschein und kein Auto hat. Mit dem hat sich ihr Mann verdünnisiert. Da muss Ardente irgendwo den Schlüssel dazu haben. Von seiner Wohnung aus kommt er ja nicht hinein.“ Schrötter bedankte sich und eilte sofort nach draußen und probierte mit einem gefundenen Schlüsselbund. Einer passte und in der zweiten Garage fand Schrötter weitere Kühltruhen. Alle waren offen und ausgeschaltet. Außer einem muffigen Geruch fiel ihm nichts weiter auf. Er atmete auf. Noch eine Leiche hätte ihm wirklich den Tag vergällt.

Kaum stand er wieder in Ardentes Schlafzimmer, rief Hajo Fussenegger an: „Ich habe einen Kollegen gefunden, der perfekt italienisch spricht, weil seine Mutter aus Venedig stammt. Mit seiner Hilfe habe ich die Polizei in Mailand erreicht. Sie wollen eine schriftliche Anfrage über den Innenminister, aber Kollege Mario Müller …“

„Westernhagen?“

„Quatsch, Tom, der heißt doch Marius, nicht Mario!“

„Stimmt. Entschuldige! Also, was war dann?“

„Kollege Mario Müller konnte den italienischen Maresciallo bei einem ‚Selbstgespräch‘ belauschen. Der las laut von seinem Bildschirm ab. Außer einigen Strafen wegen Schnellfahrens, liegt gegen Ardente nichts vor, auch keine Kontakte zur Unterwelt. Ach ja, eine Anzeige wegen Nichteinhaltung eines Eheversprechens. Das Verfahren wurde aber eingestellt, weil die Frau schon mehrfach so etwas angezeigt hatte. Bei mehreren Männern. Summa summarum ein braver Bürger.“

„Okay, so kann man den Kollegen unbürokratisch helfen. Bravo! Aber irgendwen hat er wohl tödlich beleidigt. Ich tippe auf einen eifersüchtigen Ehemann oder Freund.“

„Wirst wohl Recht haben. Ich hab‘ dann, weil ich ja dem Mario Müller bei der Hand hatte, gleich noch bei seiner Firma Dolgelato angerufen.“

„Aha! Haben die ihn denn nicht vermisst?“

„Nicht wirklich. Ardente war ein Hitzkopf. Er hat sie einige Male im Jahr wissen lassen, was und wo sie ihn können. Wegen Kleinigkeiten. Immer wieder hat er ihnen ausgerichtet, dass sie nicht nach ihm suchen sollen, wenn er sich mal nicht mehr meldet. Er liege dann irgendwo, was sich Kopippi nennt und zwar am Strand mit einer heißen Braut.“

„Kopippi? Was ist das denn?“

„Keine Ahnung. Das hat mir die Personalchefin so gesagt. Sie klang so, als sei sie beleidigt, dass Ardente nicht mit ihr dort Pippi macht. Jedenfalls waren die bei Dolgelato erleichtert, dass sie Ardente so billig losgeworden sind. Sie wussten ja auch von seinem Gewinn im Casino und dachten, er sei jetzt ausgestiegen. So sparten sie sich die Abfertigung und weiteren Ärger mit dem Typen. Also überwiesen sie ihm die letzten Gehaltsreste, Provisionen und Reisekosten. Letzte Abrechnung betraf den Juli letzten Jahres, per Mail eingelangt am 2. August. Schon im September schickten sie seinen Nachfolger nach Deutschland, einen Südtiroler, der sein Geschäft jetzt von Ulm aus abwickelt.“

„Wieso so schnell? Angeblich wollte Ardente ja auf Urlaub fahren.“

„Stimmt, er hatte Urlaub angemeldet für 11. bis 25. August, also zwei Wochen. Spätestens am Montag drauf hätte er neues Eis bestellen sollen für seine Präsentationen. Hat er aber nicht. Also ‚Kopippi‘ und aus! Die waren wirklich froh, ihn so billig losgeworden zu sein.“

„Danke, Fuzzy!“ Tom Schrötter legte schnell auf. „Weiß jemand von euch, wo Kopippi liegt? Die glaubten, unser Frauenheld da liege dort mit einer heißen Braut in der Sonne!“

Doris Fussl krabbelte unter dem Bett heraus und schüttelte sich. „Du meinst wohl Ko Phi Phi?“

„Sag ich ja!“

„Du betonst es falsch, weil du ans Pinkeln denkst! Ko Phi Phi, nicht Kopippi!“

Tom verdrehte die Augen. „Und wo ist das Piipii-Dings?“

„Zwei Inseln im Süden von Thailand. Bringt dich das jetzt der Lösung des Falles näher?“

Tom grummelte und verzog sich ins Wohnzimmer. Mit Doris zu diskutieren überließ er gern seinem Partner Hajo Fussenegger. Fuzzy hatte ja auch den Spaß, sobald Doris Recht behalten hatte. So sah es aus!

Nina arbeitete sich inzwischen konsequent Haus um Haus durch die ‚ungerade‘ Reihe. Ihr wurde bald klar, dass Ardente offenbar ausschließlich auf Blondinen stand. Leider waren die Beschreibungen einander so ähnlich, dass sie nicht abklären konnte, ob es sich bei den beschriebenen Frauen um ein halbes Dutzend verschiedene oder um nur eine einzige handelte. Außer blond waren alle eher groß, schlank, vollbusig und trugen gute Kleidung, nicht billig, aber auch nicht extravagant. Besondere Merkmale, die zu einer Identifizierung geführt hätten, konnte niemand nennen. Leicht frustriert stand sie unter einer Straßenlaterne und machte sich daran, bei Nummer dreizehn zu klingeln, als Mike aus dem Nebenhaus kam. „Hallo, Mike! Machen wir das letzte Haus gemeinsam?“

„Mit dir mache ich alles gern gemeinsam, auch wenn Klinkenputzen nicht zu meinen Favoriten gehört.“ Er wollte seine Freundin in eine Umarmung ziehen, aber sie schob ihn von sich. „Bist du verrückt? Doch nicht hier, gegenüber vom Tatort! Hast du was?“

„Nicht wirklich. Der Junge, Leo Popp von da …“ – er deutete mit dem Daumen über seine Schulter – „… hat genau das gesagt, was uns Moosbach berichtete. Er hat sich mit Ardente gelegentlich unterhalten. Autos, Frauen, Fußball, Eis. Da hat ihn der Italiener oft mit Probepackungen versorgt. Kurz vor seinem – äh – Abgang hat er noch Restbestände verschenkt, weil er die Kühltruhen abtauen wollte. Ardente war sehr erfolgreich bei Frauen und konnte ganz nach seinem Geschmack wählen. Er hatte laut Leo drei Regeln: Nur verheiratete Frauen, denn die konnten ihn nicht wegen Ehewünschen nerven, nur Blondinen, echte, denn dunkelhaarige fand er daheim genug und keine aus der Nähe. ‚La malia‘ nannte es Ardente. Leo hat es nachgelesen, das heißt ‚Bannkreis‘. Ein Bannkreis von einem Kilometer. Eigentlich ganz gescheit. Gesehen hat er nur zwei, die letzte etwa um Ostern herum im letzten Jahr. Er konnte nur eine allgemeine Beschreibung geben, weil er sie nur von seinem Zimmer aus gesehen hat, wo es schon dunkel war. Und du?“

„Auch nichts Konkretes. Blond, groß, sportlich, vollbusig und so um die dreißig Jahre. Davon gibt es allein in Hallburg mindestens zweitausend. Hoffentlich wird Tom fündig. Sonst bleiben uns noch die Verbindungsnachweise von seinem Telefon. Also schauen wir doch mal, ob wir hier bei Altbauers weiterkommen werden!“ Nina drückte auf den Klingelknopf. Fast sofort wurde die Tür aufgerissen und ein kleiner Junge grinste sie an.

„Mama, Papa! Die Polizei ist endlich da!“ Nina und Mike sahen sich an. So freudig wurden sie sonst nicht begrüßt. Herr Altbauer erschien im Flur und bat sie ins Wohnzimmer. Mike stellte der Familie sich und Nina vor und sie nahmen auf dem bequemen Sofa Platz.

„Kaffee oder Tee?“, fragte Frau Altbauer, eine hübsche Blondine mit üppigem Vorbau, eigentlich exakt Ardentes Beuteschema.

Mike lehnte beides ab, bat nur um ein Glas Leitungswasser, aber Nina sehnte sich nach Tee. „Wenn Sie einen Kräutertee hätten?“

„Ja, Simone! Nimm den mit den Limetten! Da nehm‘ ich auch gern einen“, meinte ihr Mann, der sich dann an Mike wandte. „Unser Sohn ist schon ganz aufgeregt, weil er etwas beobachtet hat, was er Ihnen gern mitteilen möchte. Ralf, komm her und erzähl!“

Der vorhin so quirlige Junge stand jetzt verlegen vor den Erwachsenen. „Ralf, das ist der Herr Rackelt von der Polizei und dies …“

„Ich bin die Nina, Ralf! Sag mal, wie alt bist du denn?“

„Elf.“

„Und du kennst den Herrn Ardente von dort drüben?“

Ralf nickte. „Stimmt es, dass der Massi tot ist?“

„Der Herr Ardente? Ja, leider ist der tot und wir müssen alles wissen, was mit ihm zusammenhängt. Weißt du da was?“ Ralf nickte wieder.

„Und möchtest du es mir erzählen?“ Ralf nickte wieder.

Nina schaute ihn erwartungsvoll an. Ralf streckte die Hand nach ihr aus. „Komm!“ Sie nahm seine Hand und ließ sich von Ralf in sein Zimmer ziehen. Dort nahm er eine Plastikhülle aus einer Schublade und zeigte ihr die Karte, die ganz oben lag. Ein Auto-Quartett-Spiel, genauer gesagt, ein Oldtimer-Quartett. Die Karte hatte die Bezeichnung 7c und zeigte einen Volvo PV444 von1952. „Das ist ein Buckelvolvo“, erklärte Ralf. „Und da ist der Massi manchmal eingestiegen.“

„In so ein Auto?“

Ralf nickte und schüttelte dann den Kopf. „Fast!“

„Wie ‚fast‘?“

„Er war nicht rot, er war weiß. Und irgendwie anders. Aber nicht viel.“

„Also ein weißer Buckelvolvo. Hat der dem Massi gehört?“

Ralf schüttelte den Kopf.

„Wem denn dann? Weiß du das?“

„Seiner Freundin.“

„Ah, seiner Freundin! Weißt du, wie sie heißt? Wie hat er sie genannt?“

„Mm, Karra und manchmal auch Tschitschinna.“ Nina kannte das. Schließlich war sie schon gelegentlich an einem italienischen Strand gelegen. Manchmal allein. Dann blieb es nicht aus, dass sich ein paar Papagalli an sie heranmachten und sie mit Kosenamen zu bezirzen suchten. ‚Cara‘ - Geliebte und ‚Ciccina‘ – Schätzchen waren nur einige, der blumigen Namen, die auf sie wenig Eindruck gemacht hatten. Hier brachten diese aber keinen Fortschritt.

„Wie sah sie denn aus, diese Freundin?“

„So wie Mutti, nur nicht so schön!“ Nina grinste. Mutti, Mutti über alles! Auf jeden Fall eine Bestätigung dessen, was schon Polizeiobermeister Moosbach berichtet hatte. Über das eher seltene Auto würden sie diese Freundin schon ausfindig machen.

„Hast du noch andere Freundinnen von ‚Massi‘ gesehen?“ Ralf nic

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