Die Farbe Rot
von Valentino Montana
Mit stechenden Kopfschmerzen wachte ich nackt im Hotelzimmer auf dem Bett auf. Nur langsam fand ich in die Realität zurück. Meine Kleidung lag wild verstreut im Zimmer herum. Ich hatte wohl etwas zu viel von dem dunkelroten Portwein gestern beim Abendessen getrunken. Verfluchter Alkohol.
Ich schwor mir, nie wieder so viel Alkohol zu trinken. Natürlich wusste ich schon im selben Augenblick bei dem Gedanken daran, das dies eine glatte Lüge war. Ein dummer Selbstbetrug.
Vielleicht stammten meine Kopfschmerzen aber auch von dem Whisky, den ich gestern Abend an der Hotelbar genossen hatte. Zusammen mit einer schönen Frau, die ich dort kennengelernt hatte. Nur undeutlich konnte ich mich erinnern. Sie war auf jeden Fall schlank gewesen, da war ich mir sicher. Ihre Haarfarbe? Garantiert Blond. Nein. War es Schwarz? Nein, auch nicht. Sie hatte langes, gelocktes rotbraunes Haar gehabt.
Ihr Aussehen? Sie hatte hohe Wangenknochen, Smokey Eyes und verführerisch in rot geschminkte Lippen gehabt. Dazu ein enges, kurzes Kleid in Rot. Ihr Name? Fiel mir nicht ein. Verfluchter Alkohol.
Ich kroch aus meinem Bett und ging ins Badezimmer, wo ich in meiner Kulturtasche Kopfschmerztabletten fand. Mit Wasser aus dem Zahnputzbecher schluckte ich zwei. Ein Blick in den Spiegel verriet mir, das ich besser aussah als wie ich mich fühlte - trotz meiner rotgeräderten Augen.
Kaffee. An Kaffee zu gelangen war viel zu weit weg. Den gab es erst unten im Hotel. Das musste warten, das hatte Zeit.
Rauchen. Mein nächste Gedanke, der mir durch den Kopf schoss. Ich fand meine Zigarettenschachtel Marlboro und rotes Feuerzeug auf dem Nachtisch liegen und begab mich auf den winzigen Balkon meines Hotelzimmers. Der Balkon bot gerade Platz für einen kleinen Klappstuhl und Tisch samt Aschenbecher.
Ich setzte mich im Adamskostüm auf den Stuhl. Der Balkon war mit Milchglas verkleidet und meine Nacktheit somit kein Problem. Ich zündete mir eine Zigarette an und inhalierte tief. Stillung der Sucht. Eines Tages werden mich diese Dinger ins Grab bringen.
Die Sonne schien, es war warm. Der Himmel war klar, nicht so wie mein Kopf. Ein leichter Wind wirkte angenehm kühlend auf der Haut. Vom Innenhof unten drang leise das Geräusch von Menschen herauf.
Ich spähte hinunter und sah Menschen draußen beim Frühstück sitzen. Geschirr klapperte. Ich beneidete die Menschen dort unten, die einen Kaffee hatten. Momentan noch unerreichbar für mich. Ich nahm wieder einen Zug von der Zigarette.
Klack, klack, klack.
Das Geräusch von hohen Absätzen erklang. Das musste eine nicht allzu schwere Frau sein, mit so etwas kenne ich mich aus, so etwas erregt mich.
Klack, klack, klack.
Die Frau kam langsam in mein Sichtfeld. Leider sah ich sie nur von hinten.
Sie hatte rotbraunes lockiges Haar, das ihr bis zur Hälfte ihres Rückens hinunterhing, eine atemberaubende schlanke Figur und endlos lange Beine. Ihr Neckholderkleid schmiegte sich wie auf Haut gemalt an ihren Körper. Das Kleid war knallrot. Das Kleid war am Rücken bis fast zum Poansatz tief ausgeschnitten. Der Rock reichte gerade mal bis zur Hälfte ihrer Oberschenkel. Über ihrer linken Schulter hing eine große Handtasche, mit ihrer rechten Hand hatte sie einen kleinen Koffer.
Klack, klack, Klack.
Das musste sie sein. Die Frau, mit der ich mich gestern Abend an der Hotelbar unterhalten hatte. Zu gern hätte ich jetzt ein Wort mit ihr gewechselt.
Sie schritt mit einem grazilen Gang einer Katze gleich auf ein Taxi zu, das schon bereits auf sie wartete. Sie war sich Ihre Wirkung auf andere Menschen voll bewusst. Sie erzeugte entweder Begierde oder Neid.
Der Taxifahrer eilte seinem Fahrgast entgegen und nahm ihr das Gepäck ab, das er verstaute. Sie setzte sich in das Taxi. Bitte dreh dich um und lass mich dein Gesicht sehen, hoffte ich. Sie tat mir den Gefallen nicht. Beim Einsteigen konnte ich für einen Sekundenbruchteil ihr Gesicht sehen, das sie unter einen großen Sonnenbrille verbarg. Sie hatte knallrot geschminkte Lippen. Sie schloss die Tür und das Taxi brauste einen Augenblick später davon.
Ich drückte meine Zigarette aus und sah auf meinen Körper herunter. Am Ende meines leicht angeschwollen Penis, kurz vor dem Ansatz des Schamhaars konnte ich Reste von rotem Lippenstift entdecken. Das würde die einzige Erinnerung an sie bleiben. Die Farbe Rot.
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herzliche Grüße
Jürgen47«
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