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Kommentare: 9 | Lesungen: 821 | Bewertung: 8.18 | Kategorie: Sex Stories | veröffentlicht: 07.09.2026

Nora und Jan

von

Die halbe Sekunde

I. Ankunft

Der Sturm hatte den Abend vorverlegt. Um sechs war es dunkel wie um neun, der Regen kam waagerecht die Straße herauf, und Jan stand am Spülbecken und hörte das Klingeln erst beim zweiten Mal, weil der Wind am Dachblech riss wie an einem Segel.

Nora stand vor der Tür, als hätte jemand sie dort abgestellt und vergessen. Das Haar klebte ihr an den Schläfen, der Mantel war zwei Farbtöne dunkler als sonst, und sie lachte, noch bevor er etwas sagen konnte.

„Kein Zug mehr nach Süden. Oberleitung, umgestürzter Baum, such's dir aus. Der Mann am Schalter hat *höhere Gewalt* gesagt, als wäre das eine Fahrplanauskunft."

„Komm rein, bevor du hier festwächst."

Sie kam herein, und der Wind kam ein Stück mit, bis er die Tür gegen ihn zudrückte. Im Flur schälte sie sich aus dem Mantel, und als er ihn ihr abnahm — eine Bewegung, die er tausendmal gemacht hatte, bei ihr, bei anderen, eine Bewegung ohne jede Bedeutung —, streiften ihre Finger seine. Eine halbe Sekunde, nicht mehr. Nass und kalt, ihre Finger, und darunter, ganz unten, warm.

Beide taten, als wäre nichts. Das konnten sie gut. Sie hatten fünfzehn Jahre Übung darin.

Es gab einen Flur, fünfzehn Jahre her, an den Jan nie dachte, außer immer.

Sie ging vor ihm ins Wohnzimmer und setzte sich nicht aufs Sofa, sondern auf die Fensterbank, den Platz, den sie sich vor Jahren ausgesucht hatte und der seither ihr gehörte, mit angezogenen Knien, den Rücken gegen das kalte Glas, hinter dem der Sturm die Stadt durchschüttelte. Er blieb an der Küchentheke stehen. Zwischen ihnen lag der halbe Meter, den sie immer einhielten, so verlässlich, als hätte ihn ein Vermesser eingezeichnet.

„Du bleibst hier", sagte er. „Das Gästebett ist frisch bezogen. Zufällig."

„Zufällig", sagte sie und sah ihn an, einen Moment zu lang, und sah dann aus dem Fenster.

II. Das Essen

Er kochte Risotto, weil man bei Risotto stehen und rühren muss und nicht weglaufen kann, obwohl er das so nie gedacht hätte, wenn man ihn gefragt hätte. Zitrone, Salbei, der Reis schluckte die Brühe Kelle um Kelle. Nora lehnte im Türrahmen zur Küche, die Arme verschränkt, in trockenen Sachen, die noch aus dem Schrank rochen — sein Pullover, ihre eigene Hose aus dem Rucksack, der jetzt im Gästezimmer stand wie ein Alibi.

Er hielt die Weinflasche hoch, eine Frage ohne Worte.

„Nicht heute", sagte sie. „Ich will heute einen klaren Kopf."

Er fragte nicht, warum. Aber das Wort *heute* blieb im Raum stehen wie ein Möbelstück, das jemand verrückt hatte und über das man jetzt anders herumgehen musste.

„Das hängt immer noch da", sagte sie und zeigte mit dem Kinn ins Wohnzimmer, auf das gerahmte Foto neben dem Bücherregal. Ein Sommer, eine Wiese, acht junge Leute, die die Kamera anlachten, als hätten sie ewig Zeit. Ganz rechts sie selbst, dreiundzwanzig, mit einem Rucksack, der größer war als ihr Rücken.

„Du hast alle Fotos behalten", sagte sie.

„Nur die guten."

„Das ist von meiner Abschiedsparty."

„Ich weiß, von wann das ist."

Sie sprachen über das Foto, über Katrin, die ausgewandert war, über Deniz, der zweimal geheiratet hatte, und meinten die ganze Zeit etwas anderes. Es war ein Gespräch wie ein Fluss mit doppeltem Grund: Oben trieb harmlos das Treibgut der alten Namen, und darunter, im dunklen Wasser, bewegte sich das, worüber sie nicht sprachen, langsam und groß.

Der Flur damals war im dritten Stock gewesen, bei Katrins Eltern, die verreist waren. Juni, ein warmer Abend, die Party im Wohnzimmer schon laut. Nora flog am nächsten Morgen um sechs. Ein Jahr Lissabon, ein Stipendium, ein möbliertes Zimmer, das sie noch nie gesehen hatte. Sie waren beide hinausgegangen, um Nachschub aus der Küche zu holen, und dann standen sie in diesem Flur, in dem nur das Treppenhauslicht brannte, gelb und billig, und keiner ging weiter.

Mehr ließ Jan an diesem Punkt nicht zu. Er rührte den Reis.

Sie aßen am kleinen Tisch, nicht am großen. Sie erzählte von der Arbeit, er von seiner. Einmal lachte sie so, dass sie sich verschluckte, und er reichte ihr Wasser, und ihre Hand nahm das Glas so vorsichtig entgegen, dass sich ihre Finger diesmal nicht berührten, und er merkte, dass er das registrierte, und ärgerte sich, dass er es registrierte.

„Gut", sagte sie über das Risotto. „Besser als früher."

„Ich hatte fünfzehn Jahre Zeit zum Üben."

„Ja", sagte sie. „Hatten wir."

III. Der Riss

Sie bestand darauf, abzuwaschen. Es war ein alter Streitpunkt mit festem Ausgang: Er wusch, sie trocknete, oder umgekehrt, jedenfalls beide, nebeneinander, das Radio leise an. Der Sturm draußen war in ein gleichmäßiges Rauschen übergegangen, das Haus hatte aufgehört zu ächzen.

Es passierte beim Topf. Er hielt ihn unter Wasser, sie griff nach dem Schwamm, der daneben lag, und dann waren ihre Hände im selben warmen Wasser, seine und ihre, und keine bewegte sich. Ein Atemzug lang. Zwei. Das Wasser dampfte ein wenig, das Radio spielte etwas Altes, und Jan spürte ihre Fingerknöchel an seinem Handgelenk, ganz leicht, wie etwas, das man sich einbilden konnte, wenn man wollte.

Dann zog Nora die Hände aus dem Becken. Sie trocknete sie ab, gründlich, viel zu gründlich, jeden Finger einzeln, und ging ans Fenster.

„Morgen früh fahren die Züge wieder", sagte sie zum Glas. „Ab sieben, hat die App gesagt. Ich nehm den um acht."

„Klar", sagte Jan.

„Ich muss Dienstag früh raus, da ist es besser, ich bin morgen Abend zurück."

„Klar", sagte Jan noch einmal.

Also doch, dachte er. Er hatte es sich eingebildet — das *heute*, den Blick auf der Fensterbank, die halbe Sekunde im Flur. Sie war hier, weil kein Zug fuhr, aus keinem anderen Grund; der Sturm hatte sie hergeweht wie eine Zeitung, und morgen um acht wehte der Fahrplan sie wieder fort. Er räumte die Teller in den Schrank, Stück für Stück, sorgfältig wie Beweisstücke, und kam sich lächerlich vor, achtunddreißig Jahre alt und lächerlich, weil er für einen Abend lang vergessen hatte, was er seit fünfzehn Jahren wusste: dass sie sich damals weggedreht hatte. Dass die Antwort längst gegeben war und dass alles Weitere — die Freundschaft, die Besuche, der halbe Meter — die Gnade war, die sie ihm gelassen hatte.

Er sah ihren Rücken am Fenster und sah nicht ihr Gesicht im schwarzen Glas, sah nicht, wie sie die Augen geschlossen hatte, sah nicht, dass ihre Hände, die eben noch so gründlich abgetrocknet worden waren, sich am Fensterbrett festhielten.

„Ich mach dir das Gästebett fertig", sagte er.

„Jan."

„Handtücher liegen —"

„Jan. Setz dich mal."

IV. Der Flur, zu Ende erzählt

Sie kam vom Fenster zurück und setzte sich ihm gegenüber, auf die Kante des Sofas, die Ellbogen auf den Knien, wie jemand, der etwas vorhat, das man nicht im Stehen tut.

„Der Flur bei Katrins Eltern", sagte sie. „Weißt du noch."

Es war keine Frage, also antwortete er nicht.

„Ich erzähl dir jetzt, wie das war. Nicht wie du denkst, dass es war. Wie es war."

Und dann erzählte sie die Szene zu Ende, die er fünfzehn Jahre lang immer nur bis zur Hälfte gedacht hatte: das gelbe Treppenhauslicht, die Musik hinter der Tür, wie sie beide stehen geblieben waren, obwohl die Küche drei Meter weiter lag. Wie er einen Schritt gemacht hatte, einen halben, und wie nah sie gewesen waren, so nah, dass sie das Waschpulver in seinem Hemd riechen konnte und darunter ihn. Wie er die Hand gehoben hatte, langsam, als müsste er sie durch Wasser bewegen.

„Und dann hab ich mich weggedreht", sagte sie. „Das ist der Teil, den du kennst. Du hast fünfzehn Jahre gedacht, das war ein Nein. Ich hab dein Gesicht gesehen, Jan. Eine Sekunde lang, im Treppenhauslicht. Du hast gedacht: Sie will nicht."

Sie sah auf ihre Hände.

„Ich saß am nächsten Morgen um sechs im Flugzeug. Ein Jahr, achtundzwanzighundert Kilometer, ein Zimmer, das ich nicht kannte, in einer Sprache, die ich nicht sprach. Ich hab mich nicht weggedreht, weil ich nicht wollte. Ich hab mich weggedreht, weil ich wusste: Wenn du mich jetzt küsst, steig ich morgen nicht in dieses Flugzeug. Oder ich steige ein und es reißt mich in der Mitte durch. Ich war dreiundzwanzig und hab die einzige Tür zugemacht, die ich zuhalten konnte."

Das Radio in der Küche spielte noch immer, viel zu leise, um es zu hören, und trotzdem war es das einzige Geräusch.

„Ich hab gewartet, dass du schreibst", sagte sie. „Ein Jahr lang. Dann hab ich gewartet, dass du irgendwas sagst, irgendwann, auf irgendeiner Party. Du warst immer da und hast immer geschwiegen, und irgendwann hab ich gedacht: Dann war es eben nur der Moment, der Flur, das Licht. Dann hab ich eben das behalten, was zu behalten war." Sie machte eine kleine Bewegung, die das Zimmer meinte, das Foto, die fünfzehn Jahre. „Und du hast dasselbe gedacht. Das ist mir heute am Spülbecken klar geworden. Wir haben beide dasselbe gedacht, die ganze Zeit, in entgegengesetzte Richtungen."

Jan saß sehr still. Irgendetwas in seiner Brust sortierte sich neu, langsam und mit erheblichem Knirschen, fünfzehn Jahre Möbel wurden umgestellt.

„Warum heute?", fragte er schließlich.

„Weil heute kein Flugzeug fliegt", sagte sie. „Kein Zug fährt. Zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren muss ich nirgends hin." Sie sah ihn an, und jetzt war nichts mehr doppelbödig, kein Treibgut, kein dunkles Wasser, nur ihr Gesicht, offen wie eine Tür. „Und weil ich keine Lust mehr habe, die klügste Entscheidung meines Lebens zu bereuen."

„Nora." Seine Stimme funktionierte halb. „Bist du sicher? Nicht der Sturm, nicht der Abend, nicht —"

„Ich bin seit fünfzehn Jahren sicher. Ich war nur nie im richtigen Zimmer." Sie stand auf, zwei Schritte, und der halbe Meter, der vermessene, verlässliche, existierte nicht mehr. „Ja", sagte sie. „Falls das die Frage war: ja. Und frag nicht noch mal, sonst fang ich an zu heulen, und ich will jetzt wirklich nicht heulen."

V. Die Nacht

Er nahm zuerst ihre Hand. Das war das Einzige, was er in diesem Moment zustande brachte, und es war genau das Richtige: die Hand, die den ganzen Abend ausgewichen war, am Mantel, am Wasserglas, im Spülbecken. Sie war noch kühl vom Fensterstehen. Er hielt sie mit beiden Händen, als wäre sie etwas, das man sich lange gewünscht und nicht mehr erwartet hat, und wärmte sie, Finger um Finger, und Nora sah ihm dabei zu mit einem Ausdruck, der zwischen Lachen und etwas ganz anderem stand.

„Fünfzehn Jahre", sagte sie leise, „und du fängst mit der Hand an."

„Ich fange da an, wo wir aufgehört haben."

Der erste Kuss war vorsichtig, eine Frage, obwohl alle Fragen beantwortet waren — und der zweite war es nicht mehr. Sie schmeckte nach Zitrone vom Essen, ihre Finger fanden seinen Nacken, und irgendwo zwischen dem zweiten und dritten Kuss hörte er auf zu zählen und auf zu denken, was eine Erleichterung war, denn gedacht hatte er wirklich genug.

Später wusste er nicht mehr, wer wen den Flur entlanggeführt hatte. Der Weg ins Schlafzimmer fehlte in seiner Erinnerung wie ein herausgeschnittenes Stück Film: eben noch das Wohnzimmer, die Lampe, ihr Atem — dann das dunklere Zimmer, in dem der Regen lauter war, weil das Fenster gekippt stand, und die kühle Luft, die hereinkam und der es nicht gelang, den Raum zu kühlen.

Sie schob ihm das Hemd von den Schultern, langsam, mit beiden Händen — dieselbe Bewegung, mit der er ihr Stunden zuvor den nassen Mantel abgenommen hatte, dieselbe Geste, um fünfzehn Jahre verspätet und in die richtige Richtung. Er lachte leise, weil er es erkannte, und sie lachte, weil er lachte, und dann lachten sie beide nicht mehr.

Dann zog sie sich den Pullover über den Kopf — seinen Pullover, in einer einzigen Bewegung, wie man ein Pflaster abzieht — und stand vor ihm im Halbdunkel, das vom Flur hereinfiel, und ließ sich ansehen. Er sah sie an. Lange. Bis sie flüsterte: „Sag was."

„Ich hab keinen Text für das hier."

„Guter Text", sagte sie und zog ihn am Gürtel zu sich.

Sie hatten Zeit, und sie nahmen sie sich. Es gab keinen Fahrplan mehr, kein Flugzeug um sechs, keine Tür, die jemand zuhalten musste. Er legte sie auf das Bett, das ein empörtes, altes Möbelknarren von sich gab, und sie lachte an seiner Schulter, kurz und warm, und dieses Lachen mitten im Ernst war intimer als alles davor. Seine Hände lernten sie auswendig, ohne Eile: den Bogen ihres Rückens, die Innenseite ihres Handgelenks, wo der Puls ging, die Stelle unter dem Schulterblatt, an der ihr Atem stolperte.

„Red mit mir", flüsterte sie ins Dunkel. „Wir haben fünfzehn Jahre geschwiegen. Ich will deine Stimme hören."

„Und was soll ich sagen?"

„Was du denkst. Was du siehst. Irgendwas."

„Dass ich ein Idiot war", sagte er an ihrem Hals, „von historischem Ausmaß" — an ihrer Schulter — „und dass ich vorhabe" — ihr Schlüsselbein entlang — „jede verlorene Woche einzeln nachzuholen."

„Das sind siebenhundertachtzig Wochen."

„Du hast sie gezählt."

„Heute Abend. Beim Abwasch." Ihre Finger fuhren durch sein Haar. „Du sahst aus, als würdest du auch rechnen."

„Ich hab kapituliert", gab er zu, den Mund an ihrem Herzschlag. „Ich dachte, du fährst morgen um acht, und ich sterbe an Höflichkeit."

„Ich weiß. Deshalb bin ich zurückgekommen. Einer von uns musste ja mal —" Der Satz endete nicht, weil sein Mund weiterwanderte, die Senke zwischen ihren Brüsten hinab, das weiche Gefälle ihres Bauchs, tiefer, und ihre Haut, eben noch kühl vom Fensterstehen, wurde warm unter ihm, dann heiß.

„Jan —"

„Hm?"

„Nichts. Vergiss es. Genau — da."

Danach gab es eine ganze Weile keine Sätze mehr, nur den Regen und sie: ihren Atem, der kürzer wurde, ein Seufzen, das sich nicht entscheiden konnte, ob es sein Name war, ihre Finger in seinem Haar, erst locker, dann nicht mehr locker, bis ihr Rücken sich hob und sie mit einem langen, fallenden Laut irgendwo ankam, wo sie noch nie mit ihm gewesen war.

Als sie wieder sprechen konnte, sagte sie: „Okay."

„Okay?"

„Anzahlung." Sie zog ihn an den Schultern hinauf, heiser: „Komm her. Ich will dich dabei ansehen."

Als er in sie kam, langsam, hielten beide einen Moment den Atem an — nicht vor Überraschung, sondern vor Genauigkeit. Sie war heiß und weich und hielt ihn, als hätte ihr Körper die fünfzehn Jahre mitgezählt, und er blieb still, tief in ihr, die Stirn an ihrer Stirn.

„So also", flüsterte sie, als spräche sie für beide. „So hätte sich das die ganze Zeit angefühlt."

„Sag das nicht noch mal", sagte er, und seine Stimme war nicht ganz fest, „sonst fange ich an zu heulen, und ich will jetzt wirklich nicht heulen."

Sie lachte unter ihm, leise, und das Lachen tat etwas mit ihnen beiden, das es sofort beendete. „Dann beweg dich", sagte sie und hob ihm die Hüften entgegen.

Dann wurde es sehr einfach. Gewicht und Gegengewicht, Atem, der sich einen gemeinsamen Takt suchte und fand, ihre Hand, die seine suchte und fand — die Hände, immer wieder die Hände, verschränkt jetzt, gegen das Laken gedrückt, als müssten gerade sie beide festhalten, was geschah. Der Regen füllte die Pausen.

„Ich hab mir das anders vorgestellt", brachte sie zwischen zwei Atemzügen heraus.

„Schlechter?"

„Leiser." Das Bett gab ihr recht.

Erst langsam, so langsam, dass jeder Stoß ein eigener Satz war mit Anfang und Ende; dann drängender, als ihre Fersen sich in seine Kniekehlen schoben und ihr Becken ihm entgegenkam. „Nicht aufhören", sagte sie irgendwann an seinem Mund, „egal was — nicht aufhören", und dann nur noch: „Jan." Und dann nichts Ganzes mehr. Seine Welt wurde klein und heiß und bestand nur noch aus ihr, aus dem Geräusch ihrer Haut an seiner, aus seinem Namen, der kein Wort mehr war. Sie ging zum zweiten Mal über die Kante, unter ihm jetzt, um ihn herum, und er spürte es überall, ihr Zusammenziehen, ihr Beben, ihre Zähne an seiner Schulter — und es riss ihn bis an den eigenen Rand.

Dort hielt er inne. Eine halbe Sekunde — die alte, die berühmte halbe Sekunde, in der man sich wegdrehen kann. Ein letzter Rest von Verstand, eine Frage ohne Worte, gestellt mit angehaltenem Atem.

„Bleib", sagte sie an seinem Ohr, und ihre Beine schlossen sich fester um ihn, ihre Hände pressten sich auf sein Kreuz und hielten ihn tief. „Bleib da. Ich will dich ganz."

Und er blieb. Er ließ los — zum ersten Mal an diesem Abend ganz, ohne Rückhalt, ohne die Vorsicht von fünfzehn Jahren — und verströmte sich tief in ihr, in langen, heftigen Wellen, die ihn durchliefen wie etwas, das sehr lange Anlauf genommen hatte, und stöhnte ihren Namen in ihr Haar. Sie hielt ihn dabei mit allem, was sie hatte, Armen, Beinen, Händen, wiegte ihn durch das Beben hindurch, und als es langsam verebbte und nur noch sein Herz gegen ihres schlug, hart und langsamer werdend, flüsterte sie an seiner Schläfe: „Ich spür dich. Ganz." — und das Wort *ganz* blieb zwischen ihnen liegen wie etwas Warmes.

Er wollte sein Gewicht von ihr nehmen; sie ließ es nicht zu. „Noch nicht."

„Ich bin zu schwer."

„Du warst fünfzehn Jahre zu leicht", murmelte sie und hielt ihn, wo er war, in ihr, auf ihr, das ganze Gewicht, und atmete darunter tief und zufrieden wie jemand, der endlich schwer genug zugedeckt ist. Eine lange Weile lagen sie so, ineinander, während der Regen leiser wurde und die Wärme zwischen ihren Körpern zu etwas Gemeinsamem verschwamm, seins und ihres, nicht mehr zu unterscheiden.

„Jetzt", sagte sie irgendwann in die Dunkelheit, „hast du wirklich nichts mehr zurückgehalten."

„Das war der Plan", sagte er in ihr Haar. „Seit ungefähr neun Uhr."

Danach, als sie sich doch voneinander gelöst hatten und wieder ineinandergerollt, lag ihr Kopf auf seiner Brust, genau über dem Herzschlag, der sich langsam beruhigte, und ihre Finger zeichneten kleine, ziellose Muster auf seine Haut. Zwischen den zerwühlten Laken hielt sich die geteilte Wärme, und das Zimmer roch nach Regenluft und nach ihnen. Der Regen ließ nach. Man hörte es daran, dass das Haus wieder anfing, seine eigenen Geräusche zu machen.

„Sag es nicht", murmelte sie.

„Was?"

„Irgendwas Bilanzierendes. *Fünfzehn Jahre* oder so. Ich hör dich denken."

„Ich wollte sagen: Der Topf ist noch nicht abgewaschen."

Sie lachte in die Dunkelheit hinein, und er spürte das Lachen mehr, als er es hörte, und dachte, dass er für dieses Gefühl notfalls noch einmal fünfzehn Jahre gewartet hätte, und war sehr froh, dass er es niemandem beweisen musste.

Coda. Der Morgen

Der Morgen war hell und gewaschen, wie Morgen nach Stürmen sind: Die Stadt sah aus, als hätte jemand sie über Nacht zurückgegeben, sauberer als abgeholt. Nora stand am Küchenfenster in seinem T-Shirt, beide Hände um den Kaffeebecher, und draußen tropfte es von den Bäumen in der letzten, friedlichen Erschöpfung des Wetters.

„Die Züge fahren wieder", sagte Jan. „Ab sieben, hat die App gesagt."

„Mhm", sagte Nora und trank einen Schluck.

„Der um acht?"

„Irgendwann fährt einer." Sie stellte den Becher ab, nahm im Vorbeigehen seine Hand — beiläufig, wie etwas, das man immer schon getan hat — und legte sie sich um die Taille, während sie mit der anderen den Kühlschrank öffnete und hineinsah, als wäre das jetzt die dringlichste Frage des Tages. „Aber sicher nicht der um acht."

Draußen setzte sich ein Vogel auf die nasse Leitung und begann von vorn.

Kommentare


sirgu
dabei seit: Mär '25
Kommentare: 158
schrieb am 08.09.2026:
»Eine harmonische Kurzgeschichte, allerdings im Stil zu bemüht künstlerisch. Sticht positiv hervor aus dem, was hier sonst so zu lesen ist«

Chris73
dabei seit: Nov '00
Kommentare: 4
schrieb am 08.09.2026:
»Danke fürs Einstellen. Ich schwanke noch. Eine nette Idee, teilweise schöne Sprache aber für meinen Geschmack stellenweise zu langsam und harmlos. Aber das ist Geschmacksache.«

Juergen47
dabei seit: Jun '26
Kommentare: 21
Jürgen47
schrieb am 08.09.2026:
»Eine schöne, stimmungsvolle Kurzgeschichte. Die Gesprächsdynamik zwischen den beiden Protagonisten war mir streckenweise etwas zu umständlich formuliert. Ein paar schräge Formulierungen sind mir beim Lesen aufgefallen. Besonders interessant fand ich diese:

"Es gab einen Flur, fünfzehn Jahre her, an den Jan nie dachte, außer immer."

Vermutlich soll "außer immer" noch einmal das "nie" zusätzlich betonen, was aber überflüssig ist, da "nie" eine eindeutige Aussage ist, die keiner zusätzlichen Verstärkung bedarf.

Falls sich der Autor nicht entscheiden kann, ob Jan nun an den Flur denkt oder nicht, könnte man das so formulieren:

"Es gab einen Flur, fünfzehn Jahre her, an den Jan gelegentlich dachte."

Gut gefallen hat mir, dass der Autor die unvermeidliche Sexszene am Ende der Geschichte nicht explizit beschrieben hat. Das passt meines Erachtens gut zu der romantisch-melancholischen Stimmung des Textes.

herzliche Grüße

Jürgen47«

LuxBanker
dabei seit: Aug '23
Kommentare: 2
schrieb am 09.09.2026:
»@Juergen47: dieses "an den er nie dachte, ausser immer" , ist so eine wundervolle Formulierung und hoffentlich vom Autor mit Absicht gewählt.«

Pirat
dabei seit: Nov '00
Kommentare: 551
schrieb am 10.09.2026:
»Wunderschönen. Mir fehlen die Worte. Die Geschichte hat mich in meinen eigenen Gefühlen abgeholt. Nur das es in meinen Erlebnissen kein Happy End gab. Danke Dir.«

sandracord
dabei seit: Mär '03
Kommentare: 8
schrieb am 11.09.2026:
»Schöne harmonische Geschichte, gekonnt formuliert. Passt eher zur Kategorie Soft Stories.«

BigBanana
dabei seit: Jul '01
Kommentare: 55
schrieb am 12.09.2026:
»Schön geschrieben. Klingt aber nach KI.«

Maccia123
dabei seit: Mär '02
Kommentare: 12
schrieb am 03.10.2026:
»Richtig gut«

ValentinoM
dabei seit: Apr '25
Kommentare: 41
Valentino Montana
schrieb am 12.10.2026:
»Schöne Allegorie zum Wetter. So schlecht wie das Wetter ist die Beziehung zum Anfang mit einem leichten melancholischen Schuss. Je länger der Abend und die Nacht anhält bessert sich die Beziehung und das Wetter.

Nette Schreibidee.«


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