Wilder Wein
von Maria Weinbauer
Prolog
Im Rheingau, wo die Hänge steil abfallen und die Reben sich an den Schiefer klammern, lag das Weingut Sonnenhang. Es war alt, mit knarzenden Holzböden, einem Keller, der nach feuchter Erde und reifem Riesling roch, und einer Herrin, die niemand wirklich kannte.
Clara Voss war zweiunddreißig. Hoch, schlank, mit langen dunklen Haaren, die sie tagsüber streng zusammengebunden trug, und einem Körper, den die Arbeit draußen fest und ausdauernd gemacht hatte. Die Menschen im Dorf nannten sie die stille Winzerin. Höflich. Kompetent. Unnahbar.
Was niemand wusste: Clara war es leid.
Leid, immer die Vernünftige zu sein. Leid, die Erntepläne zu machen, die Fässer zu prüfen und abends allein in ihrem großen Bett zu liegen, während der Mond über den Reben stand und etwas in ihr unruhig wurde.
Sie wollte nicht mehr nur die Winzerin sein.
Sie wollte sich fallen lassen.
Offener. Freier. Ohne die ständige Kontrolle.
Und der Sommer, der gerade anbrach, würde ihr die Gelegenheit geben.
Kapitel 1 – Der erste Tropfen
Es war spät nachmittags, als der Lastwagen die Zufahrt heraufkam. Clara stand auf der Terrasse, ein Glas kühlen Riesling in der Hand, und beobachtete, wie der junge Mann die Kisten mit neuen Eichenfässern ablud.
Er hieß Jonas. Anfang zwanzig. Sonnige Haut, kräftige Arme unter dem schweißnassen T-Shirt und ein Lächeln, das ein wenig zu frech wirkte für jemanden, der eigentlich nur liefern sollte.
„Frau Voss?“ Er wischte sich die Stirn ab und sah zu ihr hinauf. „Wohin mit den Fässern?“
„In den unteren Keller. Ich zeige es Ihnen.“
Sie ging voraus, die steilen Stufen hinunter. Der Geruch von Holz und altem Wein wurde dichter. Jonas folgte ihr. Als sie unten ankamen, stellte er die Kiste ab und streckte sich. Sein T-Shirt rutschte kurz hoch.
Clara bemerkte es. Nur einen Moment länger, als es nötig gewesen wäre.
Jonas sah es. Sein Mundwinkel zuckte leicht.
„Ist warm hier unten“, sagte er leise.
„Ja.“ Sie stellte ihr Glas auf ein Fass. „Sehr warm.“
Einen Herzschlag lang sagte keiner etwas. Dann trat sie einen Schritt näher.
„Zieh das Shirt aus.“
Jonas blinzelte. „Was?“
„Du hast richtig gehört.“ Ihre Stimme war ruhig, aber bestimmt. „Zieh es aus.“
Einen Moment zögerte er. Dann griff er nach dem Saum und zog das nasse Shirt über den Kopf. Sein Oberkörper war fest, die Haut noch feucht vom Arbeiten.
Clara ging langsam um ihn herum. Sie ließ die Finger über seinen Rücken gleiten, spürte die Wärme und den leichten Schauer, der durch ihn fuhr.
„Du bist schön“, murmelte sie. „Und du denkst wahrscheinlich, eine Frau wie ich ist zu ernst für so etwas.“
Sie blieb vor ihm stehen, legte die Hände an sein Gesicht und zog ihn zu sich herunter. Der Kuss war tief und fordernd, getragen von einer Sehnsucht, die sie lange zurückgehalten hatte. Jonas antwortete überrascht, dann bereitwillig. Seine Hände fanden ihre Taille.
Clara drängte ihn sacht gegen ein Fass. Ihre Hände glitten über seinen Körper, öffneten den Gürtel, spürten die Anspannung unter ihrer Berührung. Sie küsste ihn weiter, während sie sich näher an ihn presste.
Was folgte, war kein wildes, hastiges Geschehen. Es war intensiv, nah, getragen von Atmen, Berührungen und dem leisen Knarzen des Holzes unter ihnen. Clara ließ los – zum ersten Mal seit Langem. Sie hielt sich an ihm fest, flüsterte Dinge, die sie sonst nie gesagt hätte, und erlaubte sich, zu fühlen, ohne zu analysieren.
Als sie sich später langsam voneinander lösten, war der Keller still bis auf ihr unregelmäßiges Atmen. Clara strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ihre Wangen waren gerötet, die Lippen leicht geschwollen, doch in ihren Augen lag etwas Neues – etwas Offenes und Zufriedenes.
„Die Fässer kannst du später verstauen“, sagte sie ruhig. „Komm mit nach oben. Ich habe noch einen Wein, den du probieren solltest. Und danach…“
Sie lächelte, zum ersten Mal an diesem Tag wirklich.
„Danach zeige ich dir, wie frei eine Winzerin sein kann, wenn sie es will.“
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