Jana und Florian - Teil 1
von elPicaro
Der Juniabend lag warm und schwer über dem Ort, als Florian mit seiner Clique Richtung Ortszentrum unterwegs war. Die Luft roch nach frisch gemähtem Gras und den süßlichen Dämpfen der Zuckerwatte, die bereits vom Marktplatz herüber wehten. Das jährliche Schützenfest hatte begonnen, und mit ihm die unausweichliche Mischung aus traditioneller Festzeltatmosphäre und dem leichten Wahnsinn eines warmen Sommerabends, bei dem niemand früh nach Hause wollte.
Florian trug seine übliche Kombination aus abgetragenen Jeans und einem dunkelblauen Hoodie, den er trotz der Wärme um den Hals geschlungen hatte. Seine schmalen Brillengläser spiegelten die untergehende Sonne wider, als er neben seinen Kumpels dahinschlenderte, die bereits lautstark über den bevorstehenden Abend diskutierten. Timo schwenkte eine leere Plastikflasche und versprach, heute Nacht „mindestens drei Mädels kennenzulernen", während Lukas nur lachte und ihm versicherte, dass er das letzte Jahr genau dasselbe gesagt habe und dann um halb elf eingeschlafen sei.
Florian schob unbewusst seine Brille höher auf die Nase und hörte nur mit halbem Ohr zu. Seine Hände steckten tief in den Hosentaschen, und er bemerkte, wie sich seine Schultern leicht nach vorne verzogen hatten – eine Haltung, die er immer einnahm, wenn er sich in einer Gruppe nicht ganz wohl fühlte. Nicht, dass er seine Freunde nicht mochte. Aber die Vorstellung von dem, was ihn im Schützenzelt erwartete, ließ ihn innerlich zurückweichen.
Das Festzelt ragte bereits am Horizont auf, ein riesiger weißer Pavillon, dessen Seitenwände hochgerollt waren, damit die warme Luft durchströmen konnte. Davor hatten sich die ersten Gruppen versammelt, und aus der Entferung drang die dumpfe Basslinie einer Schlagermedley herüber.
„Ey, Florian, du kommst doch mit rein?" Timo drehte sich um und lief rückwärts, um ihn anzusehen.
Florian nickte und zwang sich zu einem halben Lächeln. „Klar, klar."
Im Inneren des Zeltes herrschte bereits dichtes Gedränge. Die Holzbänke waren mit rot-weiß karierten Tischdecken bedeckt, auf denen sich Gläser und Flaschen sammelten wie Artefakte eines noch jungen Abends. An der Bar, einer provisorischen Theke aus aufgestapelten Bierkisten und einer Holzplatte, drängelten sich die ersten Gäste. Florian erkannte sofort den charakteristischen Orangestich des Aperol Spritz, der in fast jedem zweiten Glas schimmerte – das Getränk des Sommers, das Getränk dieses Abends.
Seine Freunde drängten sich nach vorne, bestellten sich Bier und Mischgetränke, und Florian bestellte sich ein einfaches Cola-Mix. Der Barkeeper, ein älterer Mann mit Schützenvereins-T-Shirt, sah ihn kurz an, als wolle er etwas sagen, drückte ihm dann aber nur das kühle Glas in die Hand.
„Immer nur das Zeug", sagte Lukas und stupste ihn mit dem Ellbogen an. „Heute Abend wird gefeiert, Mann."
„Morgen früh bin ich in der Werkstatt", erwiderte Florian und hob das Glas an die Lippen. Die süßliche Kühle breitete sich in seinem Mund aus, und er spürte, wie sich seine Kiefermuskeln entspannten. Er hasste das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren – die Unsicherheit, die mit jedem Schluck Alkohol wuchs, die Worte, die ihm dann zu schnell über die Lippen kamen oder die zu spät. Er hatte das einmal erlebt, vor zwei Jahren, und die Erinnerung an die peinlichen Versuche, bei einer Party zu flirten, ließ ihn noch heute zusammenzucken.
Sie fanden einen Platz an einer der hölzernen Biertischgarnituren, die quer durch das Zelt aufgereiht waren. Über ihnen baumelten Wimpelketten in den Farben des Schützenvereins, und irgendwo in der Nähe piepte ein elektronisches Schießgerät, das Kinder und Erwachsene gleichermaßen anzog. Florian setzte sich an den Rand der Bank, sodass er den Überblick über den Raum behielt.
Und dann sah er sie.
Jana stand etwa zehn Meter entfernt an der Bar, umringt von ihren Freundinnen. Ihr blondes Haar war zu einem hohen Pferdeschwanz gebunden, durchzogen von einem hellblauen Haargummi, das im bunten Scheinwerferlicht fast fluoreszierte. Sie trug eine weiße Jeansjacke über einem schwarzen Top, das ihre sportliche Figur betonte, und als sie lachte – ein offenes, ungezwungenes Lachen –, warfen ihre hohen Wangenknochen Schatten, die ihr Gesicht modellierten.
Florian bemerkte, wie seine Finger sich fester um das Glas schlossen. Er hatte sie schon oft gesehen, in der Schule, in den Jahren davor, aber nie so richtig wahrgenommen. Sie war eine von den Mädchen, die immer umgeben waren, immer in Bewegung, immer im Gespräch. Und er war einer von den Jungen, die am Rand standen und zuschauten.
„Wer ist das?" Timo folgte seinem Blick und grinste verschwörerisch. „Ach, die Jana. Die ist süß, oder? Aber ziemlich außer Reichweite, sag ich dir. Die hat schon mit der halben Stadt was gehabt."
Florian zuckte mit den Schultern und nahm einen weiteren Schluck. „Ich hab nichts gesagt."
„Du brauchst auch nichts zu sagen. Man sieht es dir an." Timo lachte und wandte sich wieder seinem Bier zu.
Florian ließ den Blick über den Raum schweifen, aber er kehrte immer wieder zu ihr zurück. Jana hatte sich jetzt mit dem Rücken zur Bar gelehnt, ein Glas mit dem orangefarbenen Getränk in der Hand, und gestikulierte lebhaft, während sie mit ihren Freundinnen sprach. Eine von ihnen – er kannte sie nicht, ein Mädchen mit kurzen schwarzen Haaren – lachte gerade so laut, dass er es über die Musik hinweg hören konnte.
Er beobachtete, wie Jana den Strohhalm zwischen den Lippen drehte, wie sie mit der freien Hand durch ihr Haar fuhr, wie sie sich umdrehte und den Raum musterte, als suche sie nach etwas oder jemandem. Für einen Moment glaubte er, dass ihr Blick an ihm vorbeistreifte, und er senkte schnell den Kopf, starrte auf die Holzmaserung des Tisches, die unter den Jahren und Bierflecken fast schwarz geworden war.
Die Stunden vergingen in einem Rhythmus aus Musik, Gelächter und dem steten Nachfüllen von Gläsern um ihn herum. Florian blieb bei seinem Cola-Mix, bestellte sich nach einer Weile einfach nur noch Wasser, und beobachtete, wie die Atmosphäre im Zelt sich veränderte. Die ersten älteren Gäste zogen sich zurück, Familien mit Kindern verschwanden, und der Raum füllte sich mit einer jüngeren, lauterer werdenden Menge.
Jana und ihre Freundinnen hatten sich mittlerweile an einen der Stehtische in der Nähe der Tanzfläche verlagert. Er sah, wie sie tanzte – nicht allein, sondern in der Gruppe, die Körper synchron zu den Beats, die Hände in die Luft gereckt. Ihre Bewegungen hatten diese natürliche Leichtigkeit, die er von sportlichen Menschen kannte, die nie darüber nachdenken mussten, wie ihr Körper im Raum wirkte.
Er wünschte sich, näher zu sein. Nicht einmal, um mit ihr zu sprechen – das war ein Gedanke, der ihn sofort erstarren ließ –, sondern einfach nur, um sie besser sehen zu können. Um zu verstehen, worüber sie lachte, was sie so amüsierte, was sie dazu brachte, sich so unbeschwert zu bewegen.
Aber er blieb an seinem Platz, und die Distanz zwischen ihnen blieb bestehen, markiert durch die Tanzfläche, durch die tanzenden Körper, durch seine eigene Unfähigkeit, aufzustehen und hinüberzugehen.
Gegen Mitternacht wurde das Zelt stickig. Die Luft roch nach Schweiß, Parfüm und dem süßlichen Nachgeschmack von Aperol, der sich auf der Zunge absetzte. Florian hatte seinen Hoodie längst zur Seite gelegt und die Ärmel hochgekrempelt, obwohl seine Unterarme noch die Spuren der Werkstatt trugen – feine Linien von Holzspänen, die sich in die Haut eingegraben hatten und sich trotz gründlichen Waschens nicht ganz entfernen ließen.
Er sah, wie Jana sich von ihrer Gruppe löste, zur Toilette verschwand, zurückkehrte. Wie sie sich neue Getränke holte, wie sie immer wieder lachte, wie sie sich manchmal an den Tisch lehnte und mit dem Finger auf der Oberfläche kleine Kreise malte, während sie zuhörte.
Einmal, als sie sich umdrehte, glaubte er, dass ihre Augen ihn suchten. Er saß etwas erhöht, auf der Bank, und sie musste den Kopf heben, um in seine Richtung zu sehen. Aber bevor er sicher sein konnte, ob sie ihn tatsächlich bemerkt hatte, war sie bereits wieder in das Gespräch mit ihren Freundinnen vertieft.
„Du kommst ja gar nicht mit", sagte Lukas und klopfte ihm auf die Schulter. „Sollen wir tanzen gehen?"
Florian schüttelte den Kopf. „Ich passe."
„Du verpasst was, Alter. Die Nacht ist noch jung."
Aber er wusste, dass er nichts verpasste. Nicht wirklich. Er war hier, um dabei zu sein, um Teil der Clique zu sein, um nicht derjenige zu sein, der zu Hause blieb. Aber der eigentliche Grund, warum er geblieben war, stand zehn Meter entfernt und wusste nichts von ihm.
Die Musik wechselte zu einem langsameren Titel, und die Tanzfläche füllte sich mit Pärchen, die sich umschlangen. Florian sah, wie Jana sich von einem Jungen ansprechen ließ – er kannte ihn nicht, irgendein Typ aus einer parallel Klasse –, wie sie lächelte, wie sie ablehnte, wie sie ihn freundlich aber bestimmt zurückwies. Der Junge zog sich zurück, und Jana drehte sich wieder zu ihren Freundinnen, die offenbar etwas Kommentierten, denn sie schlugen ihr spielerisch auf den Arm.
Florian spürte etwas in seiner Brust, das er nicht benennen wollte. Er nahm einen Schluck Wasser und schob seine Brille hoch, obwohl sie bereits saß. Er sah sich nach seinen Freunden um, entdeckte sie wieder mal an der Bar und suchte wieder mit seinem Blick nach Jana, aber die war verschwunden. Die Tanzfläche war weiterhin voll und ihre Freundinnen tanzten ausgelassen. Aber Jana war weg. Florian war enttäuscht, obwohl er nicht genau wusste, wieso. Schliesslich brauchte er sich keine Hoffnungen bei ihr zu machen. Vor allem nicht, wenn er selber nicht den Mut aufbrachte, sie anzusprechen.
Es war kurz nach zwei, als er beschloss, dass er genug hatte. Timo und Lukas waren mittlerweile irgendwo im Zelt verschwunden, vermutlich bei irgendwelchen Mädchen, die sie kennengelernt hatten, und die restlichen Freunde aus der Clique hatten sich über die verschiedenen Tische verteilt. Er stand auf, streckte sich, und merkte, wie sein Rücken protestierte – zu lange auf der harten Bank gesessen.
Die Nachtluft traf ihn kühl und erfrischend. Der Marktplatz war immer noch belebt, kleine Gruppen standen herum, rauchten, unterhielten sich. Die alten Linden am Rand des Platzes raschelten leise im Wind, der jetzt stärker geworden war. Er zog die Kapuze seines Hoodies über den Kopf und steckte die Hände in die Taschen.
Der Weg nach Hause war nicht weit – vielleicht zwanzig Minuten zu Fuß durch die stilleren Straßen des Ortes. Er mochte diese Spaziergänge, besonders nachts, wenn die Welt sich verkleinerte auf das, was im Fokus seiner Schritte lag.
Er ging langsam, ohne Eile. Die Straßenlaternen warfen lange Schatten, und er hörte sein eigenes Atmen, das sich mit dem Rhythmus seiner Schritte synchronisierte. Einmal blieb er stehen, um eine Katze vorbeiziehen zu lassen, die ihn aus sicheren Abstand mit leuchtenden Augen beobachtete.
Es war auf der Hälfte des Weges, kurz nach der Kurve bei der alten Schule, dass er sie sah.
Eine Gestalt am Straßenrand, leicht gebeugt, eine Hand an einem Baum, die andere am Bauch. Er erkannte das blonde Haar sofort, den hohen Pferdeschwanz, das hellblaue Haargummi, das jetzt im Dunkeln fast grau wirkte. Jana.
Er blieb stehen. Seine Hände verkrampften sich in den Taschen seines Hoodies, und er spürte, wie sein Herz schneller schlug – nicht aus Anstrengung, sondern aus einem plötzlichen, unerwarteten Adrenalinschub.
Sie hatte sich nicht umgedreht. Sie bemerkte ihn nicht, oder sie war zu sehr mit sich beschäftigt. Er sah, wie sie sich wieder vorbeugte, wie sich ihre Schultern hoben, und er hörte das Geräusch, das er kannte – das krampfhafte, unvermeidliche Geräusch von jemandem, der sich übergibt.
Er sollte weitergehen. Er konnte einfach die andere Straßenseite nehmen, so tun, als hätte er nichts gesehen.
Aber er blieb stehen. Und dann ging er auf sie zu.
„Hey", sagte er leise, als er noch einige Meter entfernt war, damit sie sich nicht erschreckte.
Sie fuhr herum, und ihr Gesicht war blass im Schein der Straßenlaterne, die Augen feucht, der Mund leicht geöffnet. Für einen Moment erkannte sie ihn nicht – er sah es an der Leere in ihrem Blick, der Suche nach einem Namen, einer Zuordnung.
„Florian", sagte er und hob eine Hand, als wolle er sich vorstellen, obwohl sie sich kannten. Oder zumindest wussten, dass der andere existierte. „Aus der... aus der Parallelklasse. Früher."
Jana nickte langsam, und er sah, wie sich ihre Kiefermuskeln anspannten, wie sie schluckte. „Ja. Ich erinnere mich."
Ihre Stimme klang rau, anders als das helle Lachen, das er vom Zelt her kannte. Sie lehnte sich wieder an den Baum, und er sah, wie ihre Knie leicht nachgaben.
„Ich... es geht mir nicht so gut", sagte sie, und es klang halb als Erklärung, halb als Entschuldigung.
„Ich seh es." Er trat näher, aber nicht zu nah, behielt einen respektvollen Abstand. „Kann ich... irgendwas tun?"
Sie schüttelte den Kopf, dann hielt sie inne, und er sah, wie sich ihre Augenbrauen zusammenzogen, wie sie nachdachte. „Meine Freundinnen sind noch im Zelt. Ich wollte... ich wollte früher gehen. Zu Fuß. Frische Luft."
„Zu weit für frische Luft", sagte er und versuchte, es nicht wie eine Beurteilung klingen zu lassen.
Ein schwaches Lächeln zuckte über ihr Gesicht, verschwand aber sofort wieder. „Ja. Offenbar."
Sie beugte sich vor, und er hörte, wie sie tief durchatmete, wie sie versuchte, sich zu sammeln. Er stand da, unsicher, die Hände immer noch in den Taschen, und fragte sich, was er tun sollte. Was ein normaler Mensch tun würde, jemand mit sozialen Kompetenzen, mit Erfahrung.
„Ich könnte dich nach Hause bringen", sagte er schließlich. „Wenn du willst. Ich geh eh in die gleiche Richtung."
Sie sah ihn an, und er spürte ihren Blick wie eine physische Berührung. Ihre blauen Augen waren jetzt klarer, der Schock des Moments verflog, und er sah, dass sie abwog. Vertrauen gegen Vorsicht. Hilfe gegen Unabhängigkeit.
„Das ist lieb", sagte sie schließlich. „Aber du musst nicht. Ich schaff das schon."
„Ich weiß, dass du es schaffst", erwiderte er, und es klang ehrlicher, als er beabsichtigt hatte. „Aber du musst nicht allein. Wenn du nicht willst."
Sie betrachtete ihn einen Moment länger, und er hielt den Blick, obwohl es ihm schwerfiel. Dann nickte sie langsam, fast unmerklich.
„Okay. Ja. Danke."
Sie machte einen Schritt von dem Baum weg, und er sah, wie sie wankte, wie sie schnell die Hand ausstreckte, um sich festzuhalten. Er war bei ihr, bevor er darüber nachdenken konnte, seine Hand an ihrem Ellbogen, fest genug, um Halt zu geben, sanft genug, um nicht zu drängen.
„Langsam", sagte er. „Keine Eile."
Sie nickte, und sie begannen zu gehen, Schritt für Schritt, langsamer, als er allein gegangen wäre. Nach einigen Metern blieb sie stehen, lehnte sich gegen einen Gartenzaun, und er sah, wie sich ihre Schultern hoben.
„Warte", flüsterte sie, und er wartete, einige Schritte entfernt, den Blick abgewandt, während sie sich erneut übergab. Es war weniger diesmal und als sie sich aufrichtete, war ihr Atmen schneller, oberflächlich.
Er trat näher, und sie schüttelte den Kopf, eine Geste, die er erst nicht verstand. Dann begriff er – ihr Haar, der Pferdeschwanz, der ihr ins Gesicht fiel.
„Soll ich...?" Er machte eine vage Geste.
Sie sah ihn an, und er sah die Überraschung in ihren Augen, dann etwas anderes – Dankbarkeit, vielleicht, oder Erleichterung, dass sie nicht fragen musste.
„Ja", sagte sie leise. „Bitte."
Er trat hinter sie, und seine Hände zitterten leicht, als er den Pferdeschwanz umfasste. Das Haar war dicker, als er erwartet hatte, und weich, trotz der Haarsprays und Produkte, die er riechen konnte. Er hielt es fest, aber nicht zu fest, sammelte es in seiner linken Hand, während er mit der rechten versuchte, die lose Strähnen zurückzutucken.
„Ist das okay so?"
„Ja." Ihre Stimme klang gedämpft, und er sah, wie sie sich leicht nach vorne beugte, die Hände auf den Knien. „Danke."
Sie blieb so stehen, eine Minute, vielleicht zwei, und er hielt ihr Haar, wie er es noch nie bei jemandem gehalten hatte. Die Intimität des Moments überraschte ihn – nicht sexuell, sondern etwas anderes, etwas Zarteres. Die Verletzlichkeit, die sie ihm zeigte, ohne es zu wollen, ohne es zu planen.
Als sie sich aufrichtete, ließ er vorsichtig los, trat einen Schritt zurück. Sie drehte sich zu ihm um, und ihr Gesicht war immer noch blass, aber entspannter. Sie zog ein Haargummi aus der Tasche ihrer Jeansjacke – ein schwarzes diesmal, nicht das hellblaue – und band ihr Haar neu zusammen, während er zusah.
„Du bist... das ist wirklich nett von dir", sagte sie, und ihre Stimme klang fester jetzt.
Er zuckte mit den Schultern, eine Geste, die er sofort bereute. „Ich geh eh hier lang."
Sie lächelte, und diesmal blieb es. „Trotzdem."
Sie gingen weiter, langsamer als vorher, und er passte seine Schritte an ihre an. Die Straßen lagen leer um sie herum, nur gelegentlich ein vorbeifahrendes Auto, dessen Scheinwerfer sie kurz erhellten und dann wieder im Dunkel verschwinden ließen.
„Du warst im Zelt, oder?" fragte sie nach einer Weile. „Ich hab dich gesehen. Glaube ich."
Sein Herz setzte einen Schlag aus. „Ja. Mit meiner Clique."
„Du hast nicht getrunken." Es war keine Frage, sondern eine Feststellung, und er sah sie von der Seite an, suchte nach Hintergedanken.
„Nicht viel", sagte er vorsichtig. „Morgen früh muss ich zur Arbeit."
„Was machst du?"
„Schreiner. Auszubildender."
Sie nickte, als würde das etwas erklären. „Handwerk. Das passt zu dir."
Er wusste nicht, was sie damit meinte, ob es ein Kompliment war oder eine Beobachtung, aber er nickte trotzdem.
„Und du?" fragte er, weil es erwartet wurde, weil er nicht wusste, was sonst zu sagen. „Studium?"
„Lehramt. Sport und Mathe." Sie lachte leise, fast selbstironisch. „Die klassische Kombination."
„Klingt... sportlich."
„Mathe oder Sport?"
„Beides."
Sie lachte wieder, und er hörte, wie sich ihre Atmung entspannte, wie der Schritt sicherer wurde. Sie erzählte ihm von ihrem Fahrrad, das ihr Hauptverkehrsmittel war, von den Strecken, die sie fuhr, von dem Gefühl, früh am Morgen die leeren Straßen zu haben. Er hörte zu, fiel ein, wenn sie fragte, erzählte von der Schreinerei, von seinem Chef, der ihn wie einen Sohn behandelte, von den Möbeln, die er baute, den Holzarten, die er liebte.
Es war das längste Gespräch, das sie je geführt hatten, und es geschah im Dunkeln, auf leeren Straßen, während sie langsam durch den Ort gingen.
Ihr Elternhaus lag in einer ruhigen Siedlung am Rand des Ortsteils, ein zweistöckiges Gebäude mit einem gepflegten Vorgarten, in dem Rosenbüsche im Dunkel dufteten. Sie blieben vor dem Tor stehen, und er sah, wie sie nach ihren Schlüsseln tastete, wie sie zögerte.
„Möchtest du... reinkommen? Auf ein Wasser oder so?"
Er schüttelte den Kopf. „Ist schon gut. Du solltest schlafen."
Sie nickte, und er sah, wie sie die Lippen aufeinanderpresste, wie sie nach Worten suchte. „Florian", sagte sie schließlich, und es war das erste Mal, dass sie seinen Namen aussprach, seit er sich vorgestellt hatte. „Danke. Wirklich. Für alles."
„Gern geschehen."
Sie trat näher, und er spürte ihren Atem, den schwachen Geruch von Kaugummi, den sie offenbar unterwegs benutzt hatte. Ihre Hand berührte seine Schulter, leicht, wie ein Vogelschlag, und dann drückten sich ihre Lippen auf seine Wange, warm und trocken und unerwartet.
Sie trat zurück, und er sah, wie sie lächelte, ein echtes Lächeln diesmal, nicht das geübte des Zelts.
„Bis bald", sagte sie.
„Bis bald", wiederholte er, und er wusste nicht, ob es eine Hoffnung oder eine Feststellung war.
Sie öffnete das Tor, ging den Weg hinauf, und er sah, wie sie an der Haustür nach dem Schlüssel suchte, wie sie ihn hineinsteckte, wie sie sich noch einmal umdrehte und winkte, bevor sie verschwand.
Er stand lange da, starrte auf die geschlossene Tür, auf das dunkle Fenster über dem Eingang. Dann drehte er sich um und ging weiter, den Weg, der auch zu ihm führte, aber langsamer als je zuvor, als wolle er den Moment dehnen, ihn festhalten.
Die Nacht war warm, und die Linden raschelten, und irgendwo in der Ferne hörte er noch das Echo der Schützenfestmusik, das langsam verstummte. Er schob seine Brille hoch auf die Nase und lächelte, ohne es zu merken, während er durch die leeren Straßen von Norf ging, nach Hause.
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herzliche Grüße
Jürgen47«
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Realistisch und gefühlvoll geschrieben vollig glaubwürdig,
Es wäre schön wenn die Geschichte nicht zu schnell fahrt aufnimmt sondern in dem Stil bleibt«
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Wolfram«
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