S1F1 WasWirBegehren - DER FUNKE IM ICE
von Doppelleben
#Doppelleben #ICE #Berlin #Katharina #Kirsten #Versuchung
Der Sonntagabend lag ruhig über Charlottenburg. Durch die geöffneten Fenster der Altbauwohnung drangen gedämpfte Straßengeräusche, irgendwo unten schlug eine Autotür, aus einer Küche im Hof zog der Geruch von gebratenen Zwiebeln herauf. Bei den Seidels war der bevorstehende Abschied längst Teil einer eingespielten Routine. Toms Koffer stand geschlossen im Flur, der Laptop steckte in der Arbeitstasche, Ladekabel, Unterlagen und alles, was er für fünf Tage München brauchte, waren dort, wo sie hingehörten.
Gerade diese Selbstverständlichkeit machte es ihm schwer, seinen eigenen Widerspruch zu übersehen.
Er mochte dieses Zuhause. Nicht als Kulisse eines Lebens, aus dem er fliehen wollte, sondern als sein Leben. Seine Frau, die Kinder, die vertrauten Räume, die kleinen Abläufe eines Sonntags, bei denen niemand mehr darüber nachdenken musste, wer wann was tat. Als er sich verabschiedete, waren die Umarmungen echt. Ebenso der Kuss, bevor er nach seinem Koffer griff.
Und trotzdem spürte er bereits dieses andere Gefühl.
Nicht Erleichterung.
Eher Weite.
Draußen wartete das Taxi.
Mit jedem Straßenzug, der hinter ihm verschwand, löste sich die enge Taktung des Familienwochenendes ein wenig. Tom lehnte sich auf der Rückbank zurück und sah Berlin vorbeiziehen. Ampeln. Fahrräder. Restaurants, vor denen noch Menschen in der Abendsonne saßen. An einer Kreuzung vibrierte sein Smartphone mit einer beruflichen Nachricht. Er überflog sie, antwortete knapp und steckte das Gerät wieder ein.
Am nächsten Morgen würde München Arbeit bedeuten. Verantwortung, Termine, technische Probleme, Entscheidungen.
Aber die Abende gehörten dort nur ihm.
Dieser Gedanke war nicht neu.
Neu war lediglich, wie deutlich er ihn diesmal wahrnahm.
Seit Jahren wusste er, wie leicht sich seine beiden Lebensbereiche organisatorisch voneinander trennen ließen. Berlin. München. Familie. Arbeit.
Saubere Systeme beruhigten ihn.
Vielleicht, dachte er, lag genau darin das Problem.
An der Taxivorfahrt des Berliner Hauptbahnhofs stand Katharina Valerius neben einem dunklen Rollkoffer und hielt das Smartphone ans Ohr.
„Nein.“
Sie lauschte zwei Sekunden.
„Dann formulieren Sie es neu.“
Wieder eine Pause.
Menschen strömten mit Taschen und Koffern an ihr vorbei. Eine Familie diskutierte über den richtigen Eingang. Ein Taxi hupte. Katharina ließ sich davon so wenig beeindrucken wie von der Stimme am anderen Ende der Leitung.
„Ich brauche morgen früh keine Erklärung, warum es nicht geht. Ich brauche eine belastbare Lösung.“
Sie hörte noch einmal zu.
„Gut. Dann haben wir das geklärt.“
Der Anruf war beendet, bevor ihr Gesprächspartner Gelegenheit für einen weiteren Satz bekam.
Katharina steckte das Telefon ein, rückte mit zwei Fingern den Ärmel ihres maßgeschneiderten Kostüms zurecht und griff nach dem Koffer.
Tom, der gerade aus seinem Taxi stieg, bemerkte sie.
Nicht nur wegen ihrer Erscheinung. Es war die Art, wie sie inmitten des Bahnhofschaos dastand, als wäre nicht sie Teil der Unordnung, sondern die Unordnung ein Problem, das andere zu lösen hatten.
Und dann war da der Widerspruch, den ihr Kostüm eher betonte als verbarg. Unter der streng geschnittenen Jacke zeichnete sich eine ausgesprochen weibliche Sanduhrfigur ab: volle Brust, schmale Mitte, kräftig gerundete Hüften. Nichts daran wirkte zur Schau gestellt. Im Gegenteil. Die Kleidung war makellos geschäftlich, fast wie eine Rüstung – nur besaß der Körper darunter Proportionen, die sich selbst von perfekter Schneiderkunst nicht neutralisieren ließen.
Die hohen Absätze verlängerten ihre Haltung noch, während das platinblonde Haar streng zurückgenommen war.
Eine Frau, die auf den ersten Blick Kontrolle ausstrahlte.
Und auf den zweiten erheblich mehr.
Für einen Augenblick kreuzten sich ihre Blicke.
Katharinas eisblaue Augen erfassten Tom ebenso schnell.
Ein gut sitzendes Hemd über einer schlanken, athletischen Statur. Keine aufgepumpte Fitnessstudioerscheinung, sondern die drahtige Festigkeit eines Mannes, der regelmäßig Sport trieb. Hochgekrempelte Ärmel, kräftige Unterarme, kurzes hellblondes Haar und eine schmale anthrazitfarbene Brille in einem offenen, männlichen Gesicht.
Ihr Blick blieb nicht lange genug, um daraus ein Kompliment zu machen.
Katharina sah weiter.
Tom musste lächeln.
Dann verlor er sie zwischen den Reisenden.
Einige Straßen weiter in Berlin-Mitte schob Kirsten Faber die letzte Grafik vorsichtig in ihre schützende Verpackung.
Die Arbeit war erledigt.
Sie blieb trotzdem noch.
Vor dem Fenster der Galerie lag der späte Nachmittag warm auf den Fassaden. Kirsten stellte sich mit einem Espresso an die Scheibe und beobachtete die Menschen draußen. Zwei Frauen lachten auf dem Gehweg. Ein Fahrradkurier schlängelte sich zwischen parkenden Autos hindurch. An der Ecke blieb ein Paar stehen, weil offenbar keiner von beiden wusste, in welche Richtung es weitergehen sollte.
Kirsten mochte solche Momente.
Nicht die perfekt arrangierten.
Die kleinen Brüche darin.
Sie nahm einen Schluck, stellte die Tasse ab und griff nach einem Kunstkatalog, den sie für die Rückfahrt eingesteckt hatte.
Als sie sich danach über ihre Tasche beugte, glitten ihre langen kastanienbraunen Haare nach vorn. Sie strich sie mit einer beiläufigen Bewegung über die Schulter zurück. Die champagnerfarbene Seidenbluse folgte weich ihrem Körper, der elegante Wickelrock ihrer Taille und den runden Hüften darunter.
An Kirsten wirkte nichts scharf konturiert.
Sie war groß, schlank in der Mitte und gleichzeitig unverkennbar kurvig. Ihre volle Brust fügte sich weich in die langen Linien ihres Körpers, ihre Hüften gaben der hochgewachsenen Silhouette Wärme statt Strenge. Die Stoffe lagen nicht eng an ihr, und doch verschwanden ihre Formen darunter nie ganz.
Wenig später verließ sie die Galerie Richtung Hauptbahnhof.
Ohne besondere Erwartung an den Abend.
Vielleicht war genau das der Grund, weshalb sie offen genug für das war, was kam.
Tom fand seinen reservierten Platz in der ersten Klasse – und blieb einen Augenblick im Gang stehen.
Die Frau von der Taxivorfahrt saß am Fenster.
Vor ihr stand ein geöffneter Laptop. Das Smartphone lag daneben. Ihr Mantel war ordentlich verstaut, der Rollkoffer ebenfalls. Selbst ihr Reiseplatz sah aus, als hätte jemand ihn vorab geplant.
Katharina hob den Blick.
Nun erkannte auch sie ihn.
„Das ist jetzt entweder Zufall“, sagte sie, „oder Sie verfolgen mich bemerkenswert ineffizient.“
Tom sah auf seine Reservierung.
„Gangplatz. Leider wasserdichtes Alibi.“
Ein kaum sichtbares Lächeln erschien in ihrem Gesicht.
„Setzen Sie sich.“
„Danke. Sehr großzügig.“
Sie stand auf, damit er seine Tasche verstauen konnte.
Erst in der Enge zwischen Sitzreihe und Gang bekam Tom einen unmittelbaren Eindruck davon, wie wenig die sachliche Wirkung ihres Kostüms mit ihrem tatsächlichen Körperbau zu tun hatte. Katharina war nicht besonders groß, aber ihre Figur gab ihr eine Präsenz, die sie größer erscheinen ließ. Die Jacke saß eng genug an der Taille, um den Kontrast zu ihrer üppigen Oberweite und den ausgeprägten Hüften noch deutlicher zu machen.
Tom schob die Tasche in die Ablage.
Als er sich umdrehte, stand sie noch dicht vor ihm.
Ihr Parfüm war dezent.
Ihr Körper nicht.
Nur einen Moment lang musste er seinen Blick bewusst wieder zu ihrem Gesicht heben.
Katharina hatte es gesehen.
Natürlich hatte sie es gesehen.
Sie setzte sich, ohne darauf einzugehen.
Tom nahm neben ihr Platz.
Kurz darauf setzte sich der ICE in Bewegung.
Für einige Minuten arbeiteten beide.
Die Geräusche der Tastaturen vermischten sich mit dem gedämpften Rollen des Zuges. Tom beantwortete Nachrichten, öffnete eine technische Präsentation und las denselben Absatz zweimal.
Neben ihm bewegte Katharina eine Hand zum Trackpad.
Ihr Unterarm berührte kurz seinen.
Zufällig.
Zumindest beim ersten Mal.
Tom rückte ein wenig zur Seite.
Katharina schrieb weiter.
Einige Minuten später durchfuhr eine leichte Seitenbewegung den Wagen. Ihr Knie stieß gegen seines.
„Entschuldigung“, sagte Tom.
Katharina drehte langsam den Kopf zu ihm.
„Sie können nichts für die Gleislage.“
„Berufsbedingt fühle ich mich trotzdem ein bisschen zuständig.“
Jetzt sah sie ihn genauer an.
„Bahn?“
„Bahntechnik.“
„Das erklärt den reflexhaften Rechtfertigungsversuch.“
Tom klappte den Laptop ein Stück herunter.
„Tom Seidel.“
Ihr Blick blieb einen Moment auf ihm.
Diesmal nicht ausschließlich in seinem Gesicht. Für den Bruchteil einer Sekunde glitt er über die geöffneten oberen Hemdknöpfe, seine Schultern und die freien Unterarme, bevor er wieder ihre Augen erreichte.
„Katharina Valerius.“
Sie wandte sich wieder ihrem Bildschirm zu.
Damit hätte das Gespräch beendet sein können.
War es aber nicht.
„Sie pendeln beruflich?“, fragte sie.
Tom nickte. „Regelmäßig.“
„Berlin und München?“
„Alle zwei Wochen.“
Katharina sah kurz auf seine Tasche, dann wieder zu ihm. „Das klingt anstrengend.“
„Man gewöhnt sich daran.“
„Menschen gewöhnen sich an erstaunlich vieles.“
„Das klang jetzt weniger nach Bahnfahren.“
Diesmal lächelte sie tatsächlich.
Nur kurz.
Sie stellte weitere Fragen. Nicht viele, aber jede setzte an der vorherigen Antwort an. Was genau er machte. Warum er regelmäßig vor Ort sein musste. Ob ihm das Pendeln nicht irgendwann zu viel werde.
Tom bemerkte bald, dass Katharina nicht redete, um Stille zu vermeiden.
Sie sammelte Informationen.
Und noch etwas bemerkte er.
Sie beobachtete seine Reaktionen mindestens ebenso aufmerksam wie seine Antworten.
„Sie analysieren Menschen gern“, sagte er irgendwann.
Katharina hob eine Augenbraue.
„Ist das eine Beschwerde?“
„Eine Beobachtung.“
„Dann beobachten Sie weiter.“
Tom lehnte sich zurück.
„Interessanter Auftrag.“
Ein Servicemitarbeiter schob sich mit einem Wagen durch den schmalen Gang. Tom musste sich etwas näher zu Katharina drehen, um Platz zu machen. Für einige Sekunden war die Distanz zwischen ihnen kaum mehr als eine Handbreit.
Katharina wich nicht aus.
Der Wagen drängte Tom noch einige Zentimeter zur Seite.
Sein Oberarm berührte ihre Schulter, dann seitlich die weiche Fülle ihrer Brust.
Nur durch mehrere Lagen Stoff.
Und trotzdem deutlich genug.
Tom nahm den dezenten Duft ihres Parfüms wahr und sah, dass sie genau registrierte, was die Nähe mit seiner Aufmerksamkeit machte.
Der Wagen war längst vorbei.
Sie blieb noch einen Moment so sitzen.
Eine minimale Bewegung ihres Oberkörpers brachte wieder Abstand zwischen sie.
Nicht hastig.
Kontrolliert.
„Sie sind abgelenkt, Herr Seidel.“
„Das ist eine ziemlich selbstbewusste Diagnose.“
„Eine offensichtliche.“
„Und wenn ich behaupte, Sie hätten daran Ihren Anteil?“
Katharina sah ihn an.
Lange genug, dass die Frage ihre Leichtigkeit verlor.
„Dann würde ich sagen, dass Sie zumindest aufmerksam sind.“
Tom erwiderte ihren Blick.
„Nur aufmerksam?“
Da war es.
Eine winzige Veränderung in ihrem Gesicht.
Nicht Unsicherheit.
Interesse.
Katharina senkte den Blick zuerst.
Sie öffnete eine neue Datei auf ihrem Laptop.
„Machen Sie aus Interesse keine Einladung.“
Der Satz war ruhig.
Unmissverständlich.
Tom hielt einen Moment inne.
Dann nickte er.
„Fair.“
Keine Rechtfertigung. Kein Nachsetzen.
Katharina tippte weiter.
Aber langsamer als zuvor.
Zwanzig Minuten später stand Tom auf.
„Kaffee“, sagte er.
Katharina blickte nicht vom Bildschirm.
„Natürlich.“
„Sie glauben mir nicht?“
„Ich habe nicht gesagt, dass ich Ihnen nicht glaube.“
Tom nahm sein Smartphone.
„Sie sind wirklich Anwältin.“
„Und Sie brauchen Ihren Kaffee.“
Er musste lachen und ging.
Erst im Gang merkte er, wie angespannt seine Schultern waren.
Katharina hatte ihn nicht abgewiesen. Nicht wirklich.
Sie hatte etwas viel Wirkungsvolleres getan.
Sie hatte ihm gezeigt, dass sie die Spannung ebenso wahrnahm – und anschließend entschieden, wo sie endete.
Tom wusste, dass er diese Art von Spiel gefährlich fand.
Noch gefährlicher war, wie sehr sie ihm gefiel.
Im Bordbistro war es voller als erwartet.
Tom bestellte einen Kaffee und sah sich nach einem freien Platz um.
Nur an einem kleinen Tisch gegenüber einer Frau mit kastanienbraunem Haar war noch einer frei. Vor ihr lag ein geöffneter Kunstkatalog.
„Ist hier noch frei?“
Sie blickte auf.
Warme bernsteinfarbene Augen.
„Wenn Sie versprechen, nicht über Kunstpreise zu reden.“
Tom setzte sich.
„Das kann ich ziemlich sicher versprechen.“
„Sehr gut.“
Sie schob den Katalog ein Stück zur Seite.
Tom nahm einen Schluck Kaffee.
Die Frau sah ihn einige Sekunden an.
Nicht prüfend.
Eher neugierig.
Tom bemerkte währenddessen mehr von ihr, als ihm zunächst bewusst war.
Sie war vollkommen anders als Katharina.
Wo bei der Anwältin alles streng gefasst, exakt geschnitten und beinahe demonstrativ kontrolliert gewesen war, fiel Kirstens Kleidung weich. Die Seidenbluse umspielte eine volle, natürliche Brust, der Wickelrock ihre schmale Taille und ausgeprägten Hüften. Selbst sitzend waren die langen Proportionen ihrer Figur sichtbar.
Nicht die spektakuläre Wucht von Katharinas Sanduhrsilhouette.
Etwas Sanfteres.
Harmonischeres.
Und auf eine andere Weise mindestens ebenso verführerisch.
„Schwierige Zugfahrt?“
Tom sah auf.
„Sieht man das?“
„Ein bisschen.“
„Was genau?“
Sie betrachtete ihn, als würde sie nach der richtigen Formulierung suchen.
„Sie wirken wie jemand, der gerade versucht, etwas wieder ordentlich in eine Schublade zu bekommen.“
Tom lachte leise.
„Und Sie sagen so etwas zu Fremden?“
„Nur wenn sie sich ungefragt an meinen Tisch setzen.“
„Dann bin ich selbst schuld.“
„Im Grunde ja.“
Der Unterschied zu Katharina hätte kaum größer sein können.
Keine Prüfung.
Kein verbales Duell.
Kirstens Aufmerksamkeit fühlte sich nicht an, als suche sie nach einer Schwäche. Sie schien tatsächlich wissen zu wollen, wer dort vor ihr saß.
Tom deutete auf den Katalog.
„Und? Lohnt sich das?“
„Kommt darauf an, was Sie darin suchen.“
„Das ist genau die Art Antwort, wegen der Ingenieure Angst vor Kunst haben.“
Sie lachte.
„Ingenieur.“
„Erwischt.“
„Dann versuchen wir es anders.“ Sie drehte den Katalog zu ihm. „Was sehen Sie?“
Tom betrachtete die Abbildung.
„Soll ich die richtige Antwort geben?“
„Bitte nicht.“
Er dachte einen Moment nach.
„Struktur.“
„Natürlich.“
„Das war jetzt abwertend.“
„Überhaupt nicht.“
Sie beugte sich ein wenig vor.
Ihre Haare glitten über eine Schulter. Die Seide folgte der Bewegung ihres Oberkörpers, und für einen kurzen Augenblick musste Tom mehr Konzentration aufbringen als nötig, um tatsächlich bei der Abbildung zu bleiben.
Kirsten bemerkte seinen Blick.
Keine triumphierende Reaktion.
Nur ein kaum sichtbares Lächeln, bevor sie wieder auf die Seite sah.
„Welche Struktur?“
Tom zeigte auf eine Linie in der Abbildung und erklärte, warum sein Blick dort hängen blieb. Er sprach nicht über Kunstgeschichte. Er sprach über Balance, Spannung, darüber, wie etwas stabil wirken konnte, obwohl es optisch aus dem Gleichgewicht geraten war.
Als er fertig war, schwieg sie einen Augenblick.
„Interessant.“
„Das klang gefährlich nach Urteil.“
„Nein.“ Ihr Lächeln wurde wärmer. „Ich finde nur spannend, dass Sie behaupten, nichts von Kunst zu verstehen, und dann genau über den Bruch sprechen, der das Bild interessant macht.“
Tom sah wieder auf die Seite.
„Vielleicht verstehe ich nur Systeme.“
„Menschen auch?“
Die Frage überraschte ihn.
„Manchmal.“
„Und sich selbst?“
Tom hob den Blick.
Sie grinste.
„Entschuldigung. Zu persönlich?“
„Erstaunlich schnell persönlich.“
„Das war nicht die Frage.“
Tom musste wieder lachen.
„Nein. Nicht zu persönlich.“
Das Gespräch veränderte sich.
Nicht abrupt.
Sie sprachen über Berlin und München. Darüber, wie seltsam Orte wirkten, wenn man sie regelmäßig verließ und wiederkehrte. Über Berufe, die Menschen prägten, ohne sie vollständig zu erklären. Über Planung und darüber, warum manche der besten Abende genau dann entstanden, wenn niemand einen Plan hatte.
Tom verriet ihr nicht alles.
Sie fragte auch nicht nach allem.
Gerade das machte es leicht.
Und während die Worte persönlicher wurden, veränderte sich beinahe unbemerkt auch die Entfernung zwischen ihnen.
Kirsten saß inzwischen etwas seitlicher. Ihr Knie war unter dem Tisch näher an seines gerückt. Einmal berührten sich ihre Schuhe bei einer Bewegung des Zuges.
Keiner entschuldigte sich.
Tom hatte Gelegenheit, sie anzusehen, ohne dass daraus sofort ein Spiel wurde.
Ihr Gesicht war weich und natürlich, die bernsteinfarbenen Augen aufmerksam. Wenn sie lachte, bewegte sich nicht nur ihr Mund; die Wärme erreichte ihr ganzes Gesicht.
Und je länger sie miteinander sprachen, desto stärker nahm er die Frau unter der eleganten Zurückhaltung wahr.
Die langen Haare.
Die weiche Linie ihres Halses.
Den Fall der Seide über ihrer Brust.
Die schmale Taille und die runden Hüften darunter.
Katharina hatte ihn durch den Gegensatz zwischen einem spektakulären Körper und fast eisiger Selbstbeherrschung gereizt.
Bei Kirsten gab es diesen Gegensatz nicht.
Ihre Sinnlichkeit passte zu ihr.
Vielleicht machte gerade das sie gefährlicher.
Irgendwann bemerkte Tom, dass sein Kaffee längst leer war.
Der Kunstkatalog lag geschlossen zwischen ihnen.
Ihre Hand ruhte darauf.
Seine daneben.
Eine Bewegung des Zuges ließ ihre Finger gegeneinandergleiten.
Keiner zog die Hand sofort zurück.
Kirsten sah auf die Berührung.
Dann zu ihm.
Tom konnte nicht sagen, wer sich zuerst ein Stück vorgelehnt hatte.
Nur, dass die Geräusche des Bistros plötzlich weiter entfernt wirkten.
„Du denkst schon wieder“, sagte sie leise.
Das Du war einfach da.
Tom bemerkte es.
„Berufsrisiko.“
„Schrecklicher Beruf.“
„Manchmal.“
Kirsten nahm ihre Hand vom Katalog.
Tom erwartete, dass sie Abstand schaffen würde.
Stattdessen legte sie ihre Finger in seine.
Sein Blick fiel auf ihre Hände.
Dann wieder in ihre Augen.
„Das ist wahrscheinlich keine besonders vernünftige Idee“, sagte er.
„Nein.“
Sie zog ihre Hand nicht zurück.
Auch Tom tat es nicht.
Zwischen ihnen vergingen ein paar Sekunden, in denen keiner mehr versuchte, das Gespräch zu retten.
Tom beugte sich langsam vor.
Langsam genug, dass Kirsten jede Möglichkeit hatte, die Bewegung zu beenden.
Sie blieb.
Kurz vor ihr hielt er inne.
Kirsten überwand den letzten Abstand selbst.
Ihr erster Kuss war sanft.
Fast vorsichtig.
Nur ihre Lippen, warm und weich, eine Berührung, die kaum länger als einige Sekunden dauerte.
Als sie sich voneinander lösten, blieben ihre Gesichter dicht beieinander.
Tom sah sie an.
Kirstens Augen waren noch halb geschlossen.
Dann öffnete sie sie.
Kein Erschrecken.
Kein verlegenes Lachen.
Nur ein anderer Blick als zuvor.
Offener.
Tom strich mit dem Daumen über ihre Finger.
„Das war jetzt vermutlich noch unvernünftiger.“
„Ein bisschen.“
„Sollten wir aufhören?“
Kirsten sah auf seinen Mund.
Dann wieder in seine Augen.
„Möchtest du?“
„Nein.“
Ein leises Lächeln.
„Gut.“
Diesmal küsste sie ihn.
Nicht vorsichtig.
Ihre freie Hand legte sich an seinen Nacken, und Tom drehte sich ihr weiter zu. Was eben noch ein vorsichtiges Prüfen gewesen war, bekam plötzlich Wärme und Nachdruck. Ihre Lippen öffneten sich, der Kuss wurde tiefer, länger.
Tom spürte ihre Finger in seinem Nacken.
Seine Hand glitt an ihre Taille.
Durch die dünne Seide fühlte er, wie schmal sie dort war, bevor die Linie ihres Körpers unterhalb seiner Hand wieder weicher wurde.
Kirsten rückte näher.
Für einen Moment berührte ihre Brust seinen Oberkörper.
Der Kuss verlor den letzten Rest beiläufiger Neugier.
Als sie sich diesmal voneinander lösten, atmeten beide merklich anders.
Ein paar Meter entfernt klirrte Geschirr.
Jemand lachte.
Der Zug fuhr weiter.
Die Öffentlichkeit des Bistros kehrte auf einmal sehr deutlich zurück.
Kirsten sah kurz durch den Wagen.
Dann zu Tom.
Ihre Wangen waren leicht gerötet, ihr Blick zugleich warm und entschieden.
Sie strich eine Haarsträhne hinter ihr Ohr.
„Hier ist vielleicht nicht der beste Ort.“
Tom sah sie an.
Jetzt musste er lächeln.
„Das fällt dir früh auf.“
„Ich war beschäftigt.“
Er lachte leise.
Kirsten stand auf.
Der Wickelrock fiel wieder glatt über ihre Hüften. Erst jetzt, als sie vollständig vor ihm stand, bekam Tom einen ungestörten Eindruck ihrer hochgewachsenen Gestalt. Lange Beine, eine schmale Mitte, darüber und darunter jene weichen natürlichen Kurven, die ihre fließende Kleidung eher nachzeichnete als versteckte.
Kirsten hielt ihm die Hand hin.
Keine Hast.
Kein Ziehen.
Eine Entscheidung, die noch immer bei ihm lag.
„Kommst du?“
Tom blieb sitzen.
Für einen Moment.
Sein Blick ging zurück in Richtung seines Wagens.
Katharina.
Sein Platz.
Sein Laptop.
Berlin hinter ihm.
München vor ihm.
Und all die Gründe, warum ein vernünftiger Mann jetzt sitzen bleiben würde.
Dann sah er wieder zu Kirsten.
Zu der Frau, die ihn eben noch sanft geküsst hatte und Sekunden später jede Vorsicht zwischen ihnen hatte verschwinden lassen.
Tom nahm ihre Hand.
Und stand auf.
Kirstens Finger schlossen sich fester um seine.
Sie führte ihn aus dem Bistro, durch den schmalen Gang des fahrenden ICE.
Tom ging hinter ihr.
Der weiche Stoff ihres Rocks bewegte sich bei jedem Schritt über ihren Hüften. Er hätte wegsehen können.
Er tat es nicht.
Vor ihnen lag der Waschraum.
Kirsten blieb an der Tür stehen und drehte sich noch einmal zu ihm.
Jetzt war da kein Bistro-Tisch mehr zwischen ihnen.
Tom trat näher.
Kirstens freie Hand legte sich kurz an seine Brust.
Ihre Augen suchten seine.
Er hätte jederzeit zurückgehen können.
Sie ebenfalls.
Keiner tat es.
Kirsten öffnete die Tür.
Ihre Finger schlossen sich wieder um seine.
Und sie zog ihn mit sich hinein.
*ENDE S1F1 WasWirBegehren - DER FUNKE IM ICE
**Teaser – S1F2 WasWirBegehren - KONTROLLVERLUST & NEUE KARTEN
Hinter einer schmalen Zugtür wird aus einer Fantasie eine Entscheidung, die Tom nicht mehr zurücknehmen kann.
Als er später zu Katharina zurückkehrt, ist er derselbe Mann – und wirkt doch nicht mehr wie derselbe.
Katharina bemerkt es sofort.
**Doppelleben**
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Kommentare: 2
ich bin **Doppelleben** und möchte hier eine fortlaufende erotische Romanserie veröffentlichen.
Ich starte hier mit der ersten Staffel und bin sehr gespannt, wie die Geschichte bei euch ankommt.
Über Rückmeldungen freue ich mich ausdrücklich
**positive genauso wie kritische**
Welche Figuren funktionieren für euch? Wo entsteht Spannung?
Was fühlt sich glaubwürdig an und wo verliert euch eine Szene?
Auch Wünsche und Anregungen lese ich gerne, selbst wenn nicht jeder Wunsch automatisch Teil der Handlung werden kann.
Gerne könnt ihr mich auch direkt anschreiben.
**Doppelleben**«
Kommentare: 21
zu deiner Geschichte habe ich folgende Anmerkungen:
1. Hier auf Sevac gibt es keine Suche mittels Tags. Von daher kannst du dir die Mühe bei der nächsten Folge sparen.
2. Insgesamt hat mich dieser Teil nicht völlig überzeugt und zwar aus folgenden Gründen:
a)Ich gehe mal davon aus, dass die Geschichte aus der Perspektive von Tom Seidel erzählt wird. Sollte das der Fall sein, ist in meinen Augen die Schilderung des Telefonats von Katherina auf dem Bahnhofsvorplatz fehl am Platz, da Tom von diesem Gespräch nichts mitbekommen kann. Sollte die Geschichte abwechselnd aus der Perspektive von Katharina, Kirsten und Tom erzählt werden, kann es interessant werden. Zugleich stelle ich es mir schwierig vor, diese unterschiedlichen Stränge der Geschichte miteinander zu einem stimmigen Ganzen zu verknüpfen.
b. Erotische Geschichten beziehen ihren Reiz vor allem daraus, dass sie Situationen beschreiben, die in der Realität nicht vorkommen. Gleichwohl sollten sie meines Erachtens zumindest einen Hauch von Glaubwürdigkeit aufweisen. Zumindest ich kann mir nicht vorstellen, wie drei einander völlig fremde Menschen von jetzt auf gleich in derart intime Gespräche geraten wie es bei Tom und Katherina sowie bei Tom und Kirsten der Fall ist. Dass es bei Letzteren dann sofort derart funkt, dass sie im Waschraum verschwinden, vermutlich nicht, um sich dort gemeinsam die Hände zu waschen, halte ich für ziemlich arg konstruiert. Aber gut, es ist halt eine erotische Phantasie.
c. Die kurzen, knappen Sätze, die den Hauptteil der Geschichte ausmachen, erzeugen zwar eine gewisse Dynamik. Ab einem bestimmten Punkt haben mir aber die erzählerischen Elemente gefehlt, wie du sie sehr schön im ersten Absatz dargestellt hast,
herzliche Grüße
Jürgen47«
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Was mir nicht so gut gefallen hat ist, dass viele Absätze nur aus ein bis zwei Worten bestehen. Das verbreitet eine Hektik und macht das Lesen schwer. Ich verstehe ja diesen Stil, jedes Wort soll pointiert sitzen. In der Summe ist das aber zuviel des Guten. Die wirklichen wichtigen Worte/Aussagen gehen dabei unter.
Auch ist es anstrengend für die Augen, sich nach fast gefühlt jedem Wort eine neue Zeile sich suchen zu müssen. Das unterbricht den Lesefluss ungemein und verführt zum Überspringen von Zeilen. Im schlimmsten Fall sogar zum Leseabbruch.
Wenn Du bei diesem Stil bleiben möchtest, dann gönne bitte deinen Leser/innen zwischendurch etwas längere Zeilen. Die kannst du auch gut als Trenner zwischen Stakkatozeilen verwenden.
LG Valentino«
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Kommentare: 551
Kommentare: 8
Kategorie bis hierhin: Soft Stories«
Kommentare: 49
Einige der bereits angesprochen Kritikpunkte möchte ich bestätigen. Mir ist auch der Switch von Katharina zu Kirsten zu schnell.
Nichtsdestoweniger interessiert es mich wie es weitergeht. Bin gespannt«