Sollbruchstellen 03 - Schattenreich
von Wolfram W Tann
Günter saß allein am Tisch, die Finger um das klebrige Glas geklammert. In seinem Kopf sah er Hagen bereits vor der schweren Eichentür ihres Hauses stehen. Er sah, wie Hagen lässig klingelte, die Flasche Wein als billigen Vorwand unter dem Arm, und wie Gudrun – die pflichtbewusste, ordentliche Gudrun – im Seidenmorgenmantel öffnete. Er stellte sich vor, wie Hagen die Distanz überbrückte, wie er den Raum mit seiner Präsenz füllte.
Doch die Zeit dehnte sich unnatürlich. Jede Minute in der Kneipe zog sich wie Gummi. Das gelbe Licht der Lampe über ihm schien zu flackern. Die Sekunden fraßen sich in sein Bewusstsein.
Kaum zwanzig Minuten waren vergangen, als die Tür der Kneipe erneut aufschwang. Es war zu früh. Viel zu früh.
Hagen kam herein. Er wirkte nicht wie ein Mann, der gerade eine Oberärztin verführt hatte. Er wirkte gereizt, fast beleidigt – wie ein Jäger, der eine leere Falle gefunden hatte. Er schlenderte zum Tisch zurück und knallte die noch verschlossene Weinflasche vor Günter auf das Holz, dass das Glas klirrte.
„Und?“, brachte Günter mühsam hervor. Sein Hals war wie zugeschnürt. „Was ist passiert? Hat sie dich weggeschickt?“
Hagen setzte sich, ohne die Jacke auszuziehen. „Weggeschickt? Schön wär’s. Die Hütte ist dunkel, Günter. Stockfinster. Ich hab geklingelt wie ein Bescheuerter. Das Auto steht auch nicht in der Einfahrt. Die Frau Doktor ist nicht da.“
Er lehnte sich vor und seine Stimme wurde zu einem hämischen Flüstern: „Du sagtest, sie ist allein zu Hause und liest. Aber deine Theorie hat ein Loch. Wo ist sie, Günter? Bei welchem Notfall ist sie denn gelandet, von dem du nichts weißt?“
Hagen zuckte die Achseln und griff nach seinem alten Bierglas. „Tja, vielleicht liest sie ja woanders. Oder bei jemand anderem.“ Er lehnte sich noch ein Stück weiter vor, seine Stimme wurde zu einem tiefen, rauen Flüstern. „Sag mal, Günter ... bist du dir eigentlich so sicher, wo deine Frau Doktor sich rumtreibt, wenn sie nicht gerade Leben rettet? Vielleicht ist sie ja gar nicht so die Heilige, für die du sie hältst. Vielleicht braucht sie gar keinen groben Klotz wie mich, weil sie schon längst einen hat.“
Günter spürte, wie ihm die Luft wegblieb. Der Plan, sie zu testen, war nach hinten losgegangen. Die Ungewissheit war tausendmal schlimmer als der kontrollierte Verrat, den er geplant hatte.
Hagen aber hatte gelogen. Er hatte das Fundament von Günters Welt in Trümmer gelegt, noch bevor er das Haus überhaupt betreten hatte.
Als er vor der schweren Eichentür der Wagners stand, hatte er das Licht im Wohnzimmer gesehen. Ein gedämpftes, warmes Leuchten. Er hatte geklingelt, einmal, fordernd. Und dann war die Tür aufgeschwungen.
Gudrun stand vor ihm. Ihr Haar war leicht zerzaust, die Wangen gerötet, und ihr Atem ging stoßweise. Doch es war nicht ihr Gesicht, das Hagens Grinsen breiter werden ließ. In ihrer rechten Hand hielt sie diesen pinkfarbenen Rabbit-Dildo; das Surren des Motors war in der Stille der Auffahrt deutlich zu hören. Sie hatte ihn in der Hitze des Augenblicks nicht weggelegt; sie hatte ihn mit an die Tür gebracht, als wäre er ein Teil von ihr.
Hagen fixierte das vibrierende Kunststoffding, dann ihre Augen. „Na, Frau Doktor?“, raunte er und seine Stimme schnitt durch das mechanische Summen. „Ich dachte, ich bringe den Wein, aber Sie haben den Nachtisch ja schon in der Hand. Braucht das Teil neue Batterien oder soll ich übernehmen?“
Gudrun erstarrte. Die Scham schoss ihr wie eine Sturzflut ins Gesicht, doch sie ließ das Spielzeug nicht fallen. Ihr Griff wurde nur noch fester, während das Surren zwischen ihnen wie eine elektrische Entladung wirkte.
Hagen trat einen Schritt über die Schwelle, verkleinerte den Raum zwischen ihnen, bis er ihren hastigen Atem auf seiner Haut spürte. Er nahm ihr den Rabbit nicht ab. Er legte seine große, ölige Hand über ihre und drückte das vibrierende Ende gegen ihre Handfläche. „Pack das Spielzeug weg, Gudrun. Merk dir, wie mein Wagen aussieht, er steht dort hinten auf eurer Einfahrt, nicht, dass du noch zu jemand Falschem ins Auto steigst. In einer Stunde auf dem Parkplatz an der A7, erster Rastplatz hinter der Brücke. Wenn du zu spät kommst, such ich mir was anderes. Und bring die Lust mit, die du gerade an das Plastik verschwendest.“
Er hatte die Tür eigenhändig zugezogen und sie in der Dunkelheit ihres Flurs stehen lassen, den vibrierenden Rabbit-Dildo immer noch in der Hand.
Hagen grinste jetzt doch, ein langsames, grausames Grinsen. Er genoss es, wie Günter vor seinen Augen zerfiel. „Soll ich morgen nochmal schauen? Oder willst du jetzt doch lieber selber nachsehen, ob das Bett noch kalt ist?“
Günter saß im Wohnzimmer. Er hatte kein Licht gemacht. Nur das fahle Scheinen der Straßenlaterne drang durch die Jalousien und warf harte, gefängnisartige Streifen auf den Parkettboden. Er hatte die Jacke noch an, die Kälte der Nacht hing in den Fasern des Stoffes, doch er spürte sie nicht. In seinem Inneren brannte ein eisiges Feuer.
Vielleicht braucht sie gar keinen groben Klotz wie mich, weil sie schon längst einen hat.
Hagens Worte fraßen sich durch sein Bewusstsein. Er starrte auf das leere Sofa gegenüber. Normalerweise saß Gudrun dort, ein Glas Wein in der Hand, distanziert, fast ätherisch. Doch jetzt sah er dort andere Bilder. Sein Gehirn, befeuert durch den Verrat und die Ungewissheit, begann Szenen zu entwerfen, die er in zehn Jahren Ehe nie gewagt hatte auszusprechen.
Er sah sie in einem fremden Zimmer, in einer Umgebung, die so gar nicht zu ihrer klinischen Welt passte. Er stellte sich vor, wie sie unter einem Mann lag, der Hagen ähnelte – jemandem mit narbigen Händen und einem rücksichtslosen Griff. Er sah ihre kühlen, ärztlichen Finger, wie sie sich krampfhaft in fremde, schweißnasse Haut krallten. In seiner Vorstellung war sie nicht die beherrschte Oberärztin; sie war ein Tier, das endlich aus seinem Käfig gelassen wurde. Er hörte ihr Keuchen, ein tiefes, schmutziges Geräusch, das sie für ihn nie gemacht hatte.
Die Bilder wurden obszöner, detaillierter. Er sah sie in einer Hingabe, die er sich jahreland erbettelt hatte. War das ihr wahres Ich? War ihr ganzes Leben mit ihm nur eine sterile Inszenierung gewesen, während sie sich woanders die Bestätigung holte, dass sie aus Fleisch und Blut bestand? Er sah sie in einer Unterwerfung, die ihn gleichzeitig erregte und zutiefst anwiderte.
Wie oft hatte er sich gewünscht, dass sie ihren Stolz an der Schlafzimmertür ablegte? Er sah vor seinem inneren Auge, wie sie vor einem Fremden auf die Knie ging, ohne zu zögern, ohne diesen analytischen Blick, mit dem sie ihn oft bedachte. Er stellte sich vor, wie sie sich lustvoll hingab, wie sie seinen Schwanz in den Mund nahm – etwas, das sie bei ihm als „unästhetisch“ oder „unhygienisch“ abgetan hatte.
Ihre Begründungen nagten jetzt wie Säure an ihm. „Günter, wir sind doch keine Tiere“, hatte sie einmal gesagt, als er sie im Flur gegen die Wand gedrückt hatte. Oder ihr Klassiker: „Ich hatte einen langen Tag im OP, ich brauche jetzt Nähe, keine ... Experimente.“ Nähe. Für sie bedeutete das meistens, dass er sie hielt, während sie einschlief, während er mit seinem Verlangen allein blieb. Doch in seinem Kopf war sie jetzt bei diesem Anderen alles andere als müde. Er sah, wie sie sich den Rücken aufscheuern ließ, wie sie nach Schweiß und fremdem Parfum roch, wie sie stöhnen und flehen würde. Worte, die bei ihr sonst nur in medizinischen Diagnosen fielen, klangen jetzt ganz anders: „Mehr, bitte mehr, du wilder Mann!“ oder „Nimm mich, so wie du nur kannst!“ Sie flüsterte Dinge, die so gar nicht zu der Frau Doktor passten, die am nächsten Morgen wieder souverän Visite laufen würde. War das der „grobe Klotz“, den sie brauchte? Jemand, der keine Rücksicht auf ihre Schichtpläne nahm, sondern sie sich einfach holte?
Ob das Bett noch kalt ist ...
Vielleicht war es gar nicht kalt. Vielleicht dampfte es noch von der Hitze eines anderen.
Jedes Knacken im Gebälk des Hauses ließ ihn zusammenfahren. Er wollte nicht betrunken sein; er wollte jedes Detail der Zerstörung mit klarem Verstand erleben. Er fühlte sich wie ein Single-Shot-Fotograf, der im Dunkeln auf den einen, alles entscheidenden Moment wartet, in dem der Verschluss auslöst und die nackte, hässliche Wahrheit für immer festhält.
Plötzlich durchschnitt ein Geräusch die Stille. Draußen auf dem Kies der Auffahrt rollten Reifen. Eine Autotür schlug zu.
Günter hielt den Atem an. Sein Herz hämmerte so laut gegen seine Rippen, dass er glaubte, es müsse im ganzen Raum zu hören sein. Er bewegte sich nicht. Er blieb im Schatten sitzen, die Augen auf die Haustür gerichtet.
***
Der Parkplatz war ein Sündenpfuhl aus Asphalt. Gudrun steuerte ihren Wagen an den Reihen der schlafenden Riesen vorbei. Hier und da sah sie einen PKW, der im fahlen Licht der Laternen rhythmisch in den Federn auf und ab wippte – die anonyme Notdurft der Betrogenen. Sie fand Hagens Wagen am Ende der Reihe.
Als sie die Beifahrertür öffnete, schlug ihr die Provokation bereits entgegen. Hagen fläzte im Sitz, die Hose halb heruntergelassen, die Hand an seinem Glied. „Da ist ja die Frau Doktor endlich“, frotzelte er, während er sich selbst stimulierte. „Ich hab schon mal angefangen. Na komm, mach mit. Du willst es doch auch.“
Gudrun stieg ein und schloss die Tür. Die Enge des Wagens war erfüllt von seinem Schweiß und seiner Arroganz. Sie sah ihn an, wie man einen interessanten, aber lästigen Bakterienstamm unter dem Mikroskop betrachtet.
„Und was denkst du, sollte ich jetzt tun?“, fragte sie mit einer Stimme, die so kühl war wie das Skalpell in einer Gefriertruhe.
„Na, siehst du das nicht? So halbsteif kann ich dich nicht vögeln. Das solltest du als Doktorin doch wissen!“ Er grinste siegessicher. „Ich will, dass du Hand anlegst.“
„Du willst es also?“ Ein schmales Lächeln erschien auf ihren Lippen. Sie streifte ihre Handschuhe ab. Dann griff sie zu.
Hagen hatte mit weichen, suchenden Fingern gerechnet. Doch Gudrun umfasste ihn mit der Kraft und Präzision einer Chirurgin. Sie schloss ihre linke Faust fest um seinen Schaft und zog sie in einem einzigen, unerbittlich festen Schwung bis zur Basis zurück. Die Eichel ragte prall und schutzlos auf. Hagen entfuhr ein heiserer Schrei – eine Mischung aus Schmerz und Schock.
„Hattest du es dir so vorgestellt?“, raunte sie. Bevor er antworten konnte, begannen Daumen und Zeigefinger ihrer rechten Hand, die Frenulum-Gegend – die Banjosaite – zu bearbeiten. Sie wusste genau, wo die Nervenenden lagen, wie man den Reiz bis an die Grenze des Erträglichen steigerte. Sie sah den Lusttropfen austreten, die nackte, biologische Reaktion eines Körper, den sie vollständig unter Kontrolle hatte.
Dann ließ sie ihn los. Schlagartig.
„Ich denke, das war es für heute“, sagte sie und griff nach ihrem Mantel. „Ich werde heute nicht mit dir ficken. Ich habe gesehen, dass es dir nur um dein eigenes Vergnügen geht. Mir übrigens auch. Und genau deshalb: Heute nicht.“
Hagen starrte sie fassungslos an, die Hose immer noch auf den Knien. Seine Erregung schlug in blinde Wut um, die er hinter Prahlerei zu verstecken suchte. „Ich würde dich auf dem Rücksitz so gnadenlos nehmen, dass du deinen eigenen Namen vergisst, Frau Doktor!“ Er griff nach ihr, seine Finger krallten sich in das Revers ihres Mantels und zerrten daran, bis der oberste Knopf aus der Schlaufe sprang und schief hängen blieb. „Komm schon, zeig mir, was mich erwartet, wenn du erst einmal auf meiner Rücksitzbank liegst!“
Gudrun ließ es zu. Sie öffnete den Mantel einen Spalt breit. „Du darfst einmal fühlen, Hagen. Damit du weißt, was dich irgendwann erwartet.“
Hagen griff unter den Stoff, seine raue Hand schloss sich um das feste Fleisch ihrer Brust. Die Hitze ihrer Haut gegen seine kalten Schwielen ließ seinen Atem stocken. Er war am Ziel, dachte er.
Doch sie entzog sich ihm mit einer fließenden Bewegung. „Wenn du es heute noch so nötig hast, Hagen, dann ruf Schwester Mathilde an. Ich habe gesehen, dass sie dir ihre Nummer gegeben hat. Um zweiundzwanzig Uhr ist Schichtwechsel.“
Sie öffnete die Tür. „Ich fahre jetzt noch kurz ins Krankenhaus. Vielleicht werde ich gebraucht. Du weißt ja ... der Unfall auf der A7.“ Sie startete den Wagen und fuhr Richtung Ausfahrt. Sie hatte eine Lüge vorzubereiten. Günter wartete.
***
Der Schlüssel drehte sich im Schloss. Metall auf Metall, ein scharfes, endgültiges Geräusch. Die Tür schwang auf, und ein Streifen warmen Lichts aus dem Flur schnitt durch die Dunkelheit des Wohnzimmers.
Das warme Licht aus dem Flur wirkte in dem dunklen Zimmer fast wie eine Blendgranate. Günter rührte sich nicht. Er blieb tief in seinem Sessel vergraben, die Lider leicht zusammengekniffen, während sein Blick wie ein Autofokus über die Gestalt im Türrahmen glitt.
Es war Gudrun. Sie wirkte erschöpft, die Schultern hingen tiefer als sonst. Sie schloss die Tür hinter sich, ohne sich umzusehen, und blieb einen Moment lang schwer gegen das Holz gelehrt stehen. Sie atmete tief ein, ein langes, zittriges Ausatmen, das in der Stille des Hauses wie ein fernes Brandungsgeräusch klang.
Günter scannte sie ab, Zentimeter für Zentimeter. Er suchte nach dem Makel, nach dem Beweis für seine Schreckensbilder. Ihr Mantel war zugeknöpft, aber der oberste Knopf saß schief in der Schlaufe. War das die Eile beim Wiederanziehen gewesen? Ihre Haare, die sonst in einem makellosen, strengen Dutt gebändigt waren, wirkten zerzaust; ein paar Strähnen klebten ihr feucht an der Schläfe.
Er bildete sich ein, den Geruch wahrzunehmen, den sie mit ins Haus brachte. Es war nicht der klinische Duft nach Sterilium und Seife, den er so gut kannte. Da war etwas anderes, etwas Schweres, Moschusartiges, das sich mit der kühlen Nachtluft vermischte.
Sie bewegte sich nun, streifte die Schuhe ab und warf ihren Schlüsselbund auf die Kommode. Das klirrende Geräusch von Metall auf Glas ließ Günter unwillkürlich zusammenzucken. Sie griff sich an den Hals, lockerte den Schal und förderte dabei eine Hautpartie zutage, die im fahlen Flurlicht rötlich schimmerte. Ein Fleck? Ein Abdruck? Oder nur die Kälte?
Sein Herz raste. Die obszönen Worte aus seiner Vorstellung hämmerten in seinem Kopf im Takt seines Pulses. Nimm mich, so wie du nur kannst. Er meinte, das Echo dieser Worte in ihren müden Zügen zu lesen.
Gudrun machte einen Schritt in Richtung Wohnzimmer, noch immer ohne das Licht einzuschalten. Sie wollte wohl nur kurz durchatmen, bevor sie die Treppe nach oben nahm. Erst als sie fast auf seiner Höhe war, erstarrte sie. Sie hatte den Schatten im Sessel bemerkt.
„Günter?“, fragte sie mit belegter Stimme. „Bist du das? Warum sitzt du hier im Dunkeln?“
In ihrem Tonfall schwang keine Scham mit, nur eine tiefe, fast schon bleierne Müdigkeit. Aber für Günter war genau das die Bestätigung. Sie war leer, ausgebrannt von einer Intensität, die er ihr nie hatte entlocken können.
„Wo warst du?“, fragte er, und seine eigene Stimme klang in seinen Ohren wie das Krächzen eines Fremden.
Sie sah ihn einen Moment lang einfach nur an. Das Licht aus dem Flur traf nur ihre linke Gesichtshälfte, die andere blieb in tiefem Schwarz. „Im Krankenhaus, Günter. Was denkst du denn? Es gab Komplikationen bei der Notaufnahme. Ich konnte nicht weg.“
Komplikationen. Wie einfach das Wort aus ihrem Mund floss. Günter dachte an Hagen, der vor der dunklen Haustür gestanden hatte, und an das Auto, das nicht in der Einfahrt stand.
„Das Krankenhaus hat nicht angerufen“, sagte er langsam. „Und dein Handy war aus.“
Sie seufzte, eine Mischung aus Genervtheit und Erschöpfung, und fuhr sich mit der Hand durch die losen Haarsträhnen. „Der Akku ist leer, das weißt du doch. Warum führst du dich so auf? Du riechst nach Kneipe. Warst du wieder mit diesem Hagen unterwegs?“
Der Name schlug bei ihm ein wie eine Handgranate. Dass sie ihn so beiläufig aussprach, steigerte seinen Verdacht ins Unermessliche. Hatte sie ihn vielleicht doch gesehen? Hatte Hagen sie abgefangen und alles war ganz anders gelaufen, als er dachte? Oder war sie einfach nur eine verdammt gute Schauspielerin?
Gudrun machte einen Schritt auf ihn zu. Der Lichtstreifen aus dem Flur wanderte über ihr Gesicht, und Günter sah nun ihre Augen – sie wirkten nicht gehetzt, sondern weich, erfüllt von einem tiefen Mitleid, das ihn fast körperlich schmerzte.
„Günter“, sagte sie leise und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Ihre Finger waren kühl, genau wie er es in seiner Erinnerung gespeichert hatte. „Du zitterst ja. Du steigerst dich da in etwas hinein. Dieser Hagen ... er tut dir nicht gut. Er füttert deine Unsicherheit, nur um sich selbst stark zu fühlen.“
Sie beugte sich zu ihm herab. Der schwere, moschusartige Geruch, den er vorhin wahrgenommen zu haben glaubte, schien verflogen. Jetzt roch sie wieder nach dem Krankenhaus, nach Seife und dieser unnahbaren Sauberkeit. Sie strich ihm über die Wange, eine Geste, die so mütterlich und souverän war, dass sein ganzer Verdacht für einen Moment wie ein Kartenhaus in sich zusammenfiel.
„Ich war im Dienst, mein Schatz. Ein schwerer Verkehrsunfall auf der A7. Drei Stunden im OP. Ich bin einfach nur am Ende.“ Sie gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Stirn. „Komm jetzt ins Bett. Lass die Dunkelheit hier unten. Morgen sieht alles wieder ganz anders aus.“
Günter sah ihr nach, wie sie die Treppe hinaufging. Ihr Schritt war rhythmisch, sicher. Er wollte ihr glauben. Er wollte glauben, dass Hagen einfach nur ein Prahler war, der vor einer verschlossenen Tür gestanden hatte. Aber während er im Wohnzimmer zurückblieb und das Licht im Flur erlosch, nagte die letzte Frage in ihm: Warum war der oberste Knopf ihres Mantels schief?
Er blieb noch lange sitzen. Seine Welt lag in Scherben, aber die Ränder passten scheinbar noch zusammen. Für heute.
Die Dunkelheit im Schlafzimmer war nicht absolut. Ein schmaler Lichtstreifen der Straßenlaterne sickerte durch die Lamellen der Jalousie und legte sich wie ein Raster über Gudruns Gesicht. Günter lag unbeweglich auf dem Rücken, die Arme steif an den Seiten, während sein Blick unentwegt zu ihr hinüberglitt. Er fühlte sich wie ein Beobachter in einem nächtlichen Ansitz, bereit, den Bruchteil einer Sekunde festzuhalten, der sie verraten würde.
Gudrun schlief tief. Ihr Atem ging ruhig und regelmäßig, ein krasser Gegensatz zu dem rasenden Puls, den Günter in seinen eigenen Schläfen hämmern spürte. Dann sah er es: Ein leichtes Zucken ihres rechten Augenlids, gefolgt von einem kaum merklichen Kräuseln ihrer Lippen. Ein Lächeln. Es war kein zufälliges Muskelspiel; es war das Lächeln einer Frau, die im Traum an einem Ort war, an dem sie sich sicher und begehrt fühlte.
Dieses Lächeln traf ihn härter als jeder Vorwurf. Während er sich in der Stille des Zimmers an den Bildern zerfleischte, die Hagen in seinen Kopf gepflanzt hatte, schien sie in einer eigenen, privaten Welt zu wandeln. War sie gerade bei ihm? Bei diesem „groben Klotz“, den Hagen heraufbeschworen hatte? Er fixierte ihre geschlossenen Lider, als könnte er durch die dünne Haut hindurch ihre Träume wie einen Film auf einer Leinwand betrachten. Er suchte nach dem Fremden, dem Mann ohne Gesicht, der ihr dieses Lächeln entlockte, das er selbst seit Jahren nicht mehr gesehen hatte.
Er hätte nur die Hand ausstrecken müssen, um ihre kühle Haut zu berühren, doch in dieser Nacht war sie meilenweit von ihm entfernt. Die Frau, die neben ihm lag, das Schlafzimmer, ihr gemeinsames Haus, die gesamte Ordnung ihres Lebens – alles wirkte in diesem Moment wie eine sorgfältig konstruierte Kulisse, die nur dazu diente, das zu verbergen, was sich hinter ihren lächelnden Lippen abspielte.
Als die ersten grauen Vorboten des Samstags durch die Ritzen drangen, hatte Günter keine Minute geschlafen. Er beobachtete, wie Gudrun langsam erwachte, sich dehnte und die Maske der beherrschten Oberärztin wieder überzog, noch bevor sie die Augen ganz geöffnet hatte.
Fortsetzung: Sollbruchstellen 04 - Fleischeslust
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