Sollbruchstellen 09 Entmachtung
von Wolfram W Tann
Rückblick
Nachdem Hagen sich in seinem Souterrain gegen die einengende Jeans und für die bequemere Cordhose entschieden hat, trifft er wie geplant vor dem Kino auf Gudrun. Die kühle Oberärztin hat sich exakt an seine Anweisungen gehalten: Ohne BH unter der weiten Seidenbluse übergibt sie ihm die zweite Karte unter dem Vorwand, ihr Mann sei verhindert.
Während das ungleiche Paar im Foyer die Blicke auf sich zieht und die hinterste Reihe des Saals ansteuert, liegt Günter fiebernd im Bett. Von Gudruns Präparaten geschwächt, wiegt er sich in dem Irrglauben, als genialer Regisseur ein harmloses Kammerspiel zu lenken – völlig blind für die Tatsache, dass Gudruns Entschlossenheit längst jede Kontrolle gesprengt hat.
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„Der Verstand mag wohl ein Werkzeug der Natur sein, aber die Leidenschaft ist ihr eigentliches Triebwerk.“ — Arthur Schopenhauer
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Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt, doch die Zweierbank in der letzten Reihe fühlte sich an wie eine einsame Insel im Ozean aus Schatten. Gudrun saß unbeweglich, doch die Hitze, die von Hagen ausging, schien die Luft zwischen ihnen zum Flimmern zu bringen. Hagen wartete nicht auf ein Signal. Er legte seinen schweren Arm um ihre Schultern und ließ die Hand nach vorne gleiten, bis sie schwer und besitzergreifend auf ihrer rechten Brust ruhte.
Durch den hauchdünnen Stoff der Seidenbluse spürte er sofort, wie sich ihr Körper verriet. Die Brust war fest, und unter seinem Handballen richtete sich der Nippel hart und fordernd auf. Ein kurzes, grimmiges Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. „Der Frau Doktor scheint ja zu gefallen, was der Hagen hier mit ihr macht“, raunte er, und sein Atem kitzelte ihr Ohr. „Und lüg mich nicht an, ich kenne die Frauen. Dein Verstand mag ja nein sagen, aber dein Körper schreit nach mehr.“
Gudrun starrte auf die Leinwand, doch ihre Atmung wurde flacher. „Ich weiß genau, was jetzt im Kopf der Frau Doktor vorgeht“, setzte er nach, während seine Hand einen leichten, prüfenden Druck ausübte. „Sie denkt sich: Es wäre herrlich, wenn der prollige Hagen jetzt die Bluse öffnen würde. Wenn er dieses feine Zeug beiseite schiebt und die Hand direkt auf das nackte Fleisch legt, nicht wahr?“
Sie wollte antworten, wollte etwas Kühles, Distanziertes sagen, doch bevor sie ein Wort herausbrachte, spürte sie die Geschicklichkeit seiner Finger. Mit einer Präzision, die sie seinen schwieligen Händen niemals zugetraut hätte, öffnete er die obersten drei Knöpfe ihrer Bluse. Es war kein Reißen, es war fast schon chirurgisch elegant. Als seine Hand nun direkt auf ihre Haut glitt, entwich Gudrun ein leiser, zitternder Seufzer. Er begann, mit dem Daumen über ihre erigierte Warze zu fahren. Wieder und wieder. Ein rhythmisches Spiel, das die Elektrizität direkt in den Unterleib leitete.
„Ja... selbstverständlich gefällt mir, was du da tust“, flüsterte sie ihm zu, wobei sie versuchte, ihre Stimme festzuhalten. „Es ist erstaunlich... so liebevoll. Das hätte ich deinen Händen gar nicht zugetraut, Hagen.“
Hagens Kiefer mahlte. Liebevoll? Das war die falsche Antwort. Ohne Vorwarnung verstärkte er den Druck. Er nahm die harte Warze zwischen Daumen und Zeigefinger und kniff schmerzhaft zu. Ein leiser, unterdrückter Schrei des Schmerzes entfuhr ihr. Hagen ließ den rechten Arm als feste Klammer liegen, während er die fassungslose Unterwerfung in ihrem Atem genoss. Doch er war noch nicht fertig. Er spürte, wie sein Glied mit einer fast schmerzhaften Wucht gegen den Stoff der Cordhose hämmerte. Mit der linken Hand öffnete er mit einem kurzen, metallischen Ruck den Reißverschluss.
Dann packte er Gudruns linke Hand am Handgelenk und zwang ihre Finger in die Öffnung seiner Hose. „Frau Doktor“, raunte er, „spüren Sie das? Der Hagen ist nicht aus Plastik. Er ist aus Fleisch und Blut. Und er verlangt nach Ihrer Aufmerksamkeit.“
Gudruns ärztliche Distanz zerbrach. Ihre Finger schlossen sich instinktiv und beherzt um ihn, was Hagen ein tiefes Stöhnen entlockte. Auf der Leinwand ergriff Lady Chatterley zeitgleich die Hand des Wildhüters: „Ich wusste nicht... dass das Leben so... lebendig sein kann.“
„Hören Sie das?“, flüsterte Hagen gepresst. „Das Leben ist verdammt lebendig.“ Während Gudrun ihn hielt, begann seine linke Hand die qualvolle Wanderung. Zentimeter für Zentimeter schob er die Finger über ihr Knie hinauf zur Innenseite ihrer Oberschenkel. Er erkundete das weiche, bebende Fleisch, prüfte die Hitze, die dort unter dem Rock gefangen war.
„Der Frau Doktor scheint das Original ja doch besser in der Hand zu liegen als ihr schwarzer Plastikfreund, was?“, presste Hagen hervor.
Gudrun erstarrte. Das Blut schien für einen Herzschlag lang zu gefrieren. Ihr Griff um ihn wurde krampfhaft. Woher weiß er das? Sie hatte dieses Spielzeug in der hintersten Ecke ihrer Schublade versteckt. Hatte Günter es gefunden? Warum sollte er es Hagen erzählen?
„Woher...“, presste sie hervor. „Woher wissen Sie das, Hagen? Wer hat Ihnen davon erzählt?“
Hagen lachte nur leise, ein dunkles Grollen, während er spürte, wie ihre Finger sich um ihn versteiften. „Der Hagen sieht eben Dinge, die andere übersehen. Vielleicht haben Sie es einfach in den Augen. Den Hunger einer Frau, die sich mit leblosem Zeug begnügen muss.“ Er gab ihr keine Zeit für eine Diagnose. „Hören Sie auf zu denken. Spüren Sie den Unterschied? Das hier hat einen Puls, Gudrun. Das hier wird nicht leer, wenn die Batterien den Geist aufgeben.“
Seine linke Hand erreichte den Rand ihres Slips, wo die Feuchtigkeit bereits den Stoff durchtränkt hatte. „Erzähl mir mehr von deinem Spielzeug, Gudrun. Wie fühlt es sich an? Ist es hart? Ist es kalt? Und wo genau schiebst du es dir rein, wenn der alte Günter nebenan von seinen Geschäften träumt?“
Er verstärkte den Griff an ihrer Brust und trieb sie mit der Linken unaufhaltsam weiter. Gudrun warf den Kopf zurück. Ihr Verstand raste noch immer – die Frage nach seinem Wissen brannte wie Säure –, doch ihr Körper hatte die Antwort gegeben. Hagens linke Hand schob den Stoff beiseite und fand die pulsierende Realität ihres Verlangens. Er bearbeitete sie mit einer Härte, die keinen Raum für Romantik ließ, sondern nur für die nackte Mechanik der Lust.
„Plastik gegen die Langeweile“, murmelte er. „Vergiss das Plastik, Frau Doktor. Heute Nacht kriegst du das Original. Und du wirst mir später genau zeigen, wie tief du dieses schwarze Ding in dich hineinstößt – und dann werde ich es ersetzen.“
Auf der Leinwand erreichte Lady Chatterley ihren Höhepunkt. Doch für Gudrun existierte nur noch ihr eigener, schwerer Atem. Sie war keine Chirurgin mehr. Sie war eine Frau, die sich einem Mann ausgeliefert hatte, der ihre dunkelsten Geheimnisse kannte. „Ja...“, presste sie hervor, während sie seinen Rhythmus mit ihrer Hand in seiner Hose vorgab. „Ja, Hagen... nimm es mir weg... das Plastik... alles.“
Hagen lachte leise. Er hatte sie nicht nur körperlich, sondern auch in ihrem Stolz gebrochen. In diesem Moment gehörte die Frau Doktor nur dem Hagen.
Die Villa empfing sie mit einer kühlen, sterilen Stille. Das einzige Geräusch war das ferne, rhythmische Ticken der Standuhr im Flur. Oben schlief Günter, betäubt von der Suppe und seinen eigenen Fieberträumen, während unten in der großzügigen Diele die Luft bereits vor Elektrizität knisterte.
Hagen trat ein, als gehöre ihm das Haus. Er legte keine Jacke ab, er sah sich nicht um. Die Maske des „Hagen“, der von sich in der dritten Person sprach, war im Kino geblieben. Er packte Gudrun direkt hinter der Tür, presste sie gegen die schwere Eichenwand und riss ihr die Seidenbluse endgültig auf, dass die restlichen Knöpfe wie Schrotkugeln über den Marmorboden sprangen.
„Hol sie“, befahl er rau. Er duzte sie jetzt mit einer Selbstverständlichkeit, die sie wie ein Peitschenhieb traf. „Hol dein ganzes Spielzeug. Alles, was du in deiner Schublade versteckst. Ich will sehen, womit du dich begnügt hast, während ich nicht da war.“
Gudrun zögerte einen Moment. Ihr Verstand registrierte Hagens Arroganz, seine plötzliche Distanzlosigkeit. Doch anstatt sich zu wehren, spürte sie ein kaltes, klares Vergnügen daran, ihm zu gehorchen. Sie wollte den Vergleich. Sie wollte sehen, wie der grobe Hagen neben ihrem klinisch reinen Silikon wirkte.
Als sie mit dem Beutel zurückkehrte und die Sammlung auf den teuren Orientteppich schüttete, war die Szenerie von einer bizarren Ästhetik. Hagen betrachtete die bunten Silikonformen mit einem hämischen Grinsen. Er griff sich den dicken, schwarzen Dildo und hielt ihn neben sein eigenes Glied, das bereits wieder hart und fordernd aus der Cordhose ragte.
„Fast dasselbe Maß“, stellte er fest, und seine Stimme vibrierte vor animalischem Stolz. „Nur dass meins lebt, Gudrun. Meins brennt.“
Er nahm den kleinen Dildo für den Po – das Stück, das ihn besonders faszinierte – und drehte ihn zwischen den Fingern. „Das hier... das ist das Einzige, was ich heute Nacht an dir zulasse, was nicht aus Fleisch ist. Den Rest erledige ich.“
Er zwang sie auf alle Viere, mitten auf dem Teppich, zwischen den verstreuten Resten ihrer einsamen Nächte. Es gab kein vorsichtiges Tasten mehr. Er nahm sie von hinten, mit einer Wucht, die sie tief in den Flor des Teppichs presste. Gudrun krallte ihre Finger in die Wolle. Ihr Fleisch schrie vor Lust, doch ihr Kopf blieb wach. Sie registrierte jedes Stöhnen von ihm, jede Schweißperle, die von seiner Stirn auf ihren Rücken tropfte. Er dachte, er hätte sie gewonnen. Er ahnte nicht, dass sie ihn in diesem Moment sezierte – seine Kraft, seine Gier, seine Endlichkeit.
Nach dem ersten, heftigen Akt lag Hagen schwer auf ihr, wohlig erschöpft, aber mit dem besitzergreifenden Blick eines Eroberers.
„Pack den Kram wieder ein“, sagte er schließlich, während er sich mühsam aufrichtete und seine Hose schloss. Er griff nach dem Beutel, in den sie auf seinen Befehl hin die Spielzeuge zurückgeworfen hatte. „Ich nehme das mit. Vielleicht habe ich dafür bei einem späteren Treffen eine Verwendung. Ich denke mir bestimmt etwas aus.“
Er verließ die Villa durch die Terrassentür, den Beutel wie eine Trophäe über der Schulter. Gudrun blieb auf dem Teppich zurück, ihr Körper zitterte noch, doch ihr Blick war klar. Sie sah ihm nach, wie er im Schatten des Gartens verschwand. Hagen dachte, er hätte ihr die Spielzeuge genommen. Er begriff nicht, dass er für sie gerade selbst zu einem geworden war.
Hagen war verschwunden, die Terrassentür stand noch einen Spalt weit offen und ließ die kühle Nachtluft in die aufgeheizte Diele. Gudrun erhob sich langsam. Sie spürte das Brennen auf ihrer Haut und das ungewohnte Gefühl der Leere in ihrem Inneren, nachdem er ihr die Spielzeuge entzogen hatte. Sie ordnete ihre zerrissene Bluse so gut es ging und stieg die Treppe hinauf.
Im Schlafzimmer brannte nur das matte Licht der Nachtleuchte. Günter lag unverändert da, der Atem rasselnd, die Stirn feucht vom abklingenden Fieber. Sie trat an sein Bett und sah auf ihn herab. Es war kein Blick des Mitleids, den sie ihm schenkte, aber auch kein rein verachtender. Es war der Blick einer Frau, die ein neues Potenzial entdeckt hatte. Sie sah in Günter nicht mehr den schwachen Ehemann, sondern das perfekte Publikum, das noch nicht wusste, dass es zuschauen würde. In ihrem Kopf verschmolz die Hitze von Hagens Körper mit der klinischen Stille dieses Raumes.
Was, wenn Günter nicht nur der Betrogene blieb? Was, wenn er die List, auf die er so stolz war, bis zur letzten Konsequenz miterleben musste? Der Gedanke, ihn – den feinen Herrn Direktor – vor Hagens Füße zu zwingen, während sie sich dem „Original“ hingab, ließ ihren Puls augenblicklich wieder steigen.
Sie setzte sich auf die Bettkante und legte ihre kühle Hand auf seine fiebrige Stirn. Er murmelte etwas Unverständliches, ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen, als er ihre Berührung spürte. Er glaubte immer noch, sie sei gerade wohlbehalten und allein aus dem Kino zurückgekehrt.
„Schlaf weiter, Günter“, flüsterte sie, und ihre Stimme war so sanft, dass sie ihn fast schmerzte. „Du hast keine Ahnung, wie wunderbar dein Plan funktioniert hat. Er hat gerade erst begonnen.“
Sie legte sich neben ihn, die Haut noch gezeichnet von Hagens Händen, und schloss die Augen. Sie war die Regisseurin, die das Drehbuch gerade umgeschrieben hatte.
Günter erwachte gegen zehn Uhr. Das Fieber war gewichen, hinterließ aber eine seltsame Watte in seinem Kopf. Die Villa war still. Er schwankte in die Küche, wo er den Zettel fand: „Notfall, musste sofort ins Krankenhaus. Bin gegen 14:00 Uhr wieder zurück. G.“
14:00 Uhr. Das war früh für eine Samstagschicht, die normalerweise bis 16:00 Uhr dauerte. Sein Herz begann schneller zu schlagen. Warum so früh? Wollte sie Zeit gewinnen? Oder hatte sie etwas zu verbergen?
Er schleppte sich zurück ins Schlafzimmer. Er musste es wissen. Er zog die Kommode auf, die Finger zitternd. Seine Hand tastete in die hinterste Ecke, dort, wo er vor zwei Tagen noch den dicken schwarzen Dildo und das „Paulchen“ unter der Seidenwäsche gefühlt hatte.
Nichts.
Er riss die Schublade weiter auf, wühlte panisch in der Unterwäsche seiner Frau. Die Seide fühlte sich fremd an, kalt. Der Samtbeutel war weg. Die gesamte Sammlung – die er erst kürzlich im Web recherchiert hatte, um seinen Schmerz zu präzisieren – war spurlos verschwunden.
„Das kann nicht sein“, flüsterte er. Hatte er das alles nur geträumt? Waren die sechs Zentimeter Durchmesser des schwarzen Ungetüms nur eine Ausgeburt seines Fieberwahns gewesen? Hatte er die Katalogtexte nie gelesen?
Er sah auf seine eigenen Hände. Sie wirkten schmal, fast zerbrechlich. Er fühlte sich wie ein Ertrinkender. Wenn die Spielzeuge weg waren, war dann auch Hagen nur eine Einbildung? Nein, Hagen war real. Hagen war die Konstante in diesem Chaos. Er musste Hagen finden. Er musste wissen, ob die Realität noch existierte oder ob er in Gudruns „Heilsuppe“ endgültig seinen Verstand verloren hatte.
Es war Samstagvormittag. Hagen saß um diese Zeit immer beim Frühschoppen. Der Stammtisch in der „Goldenen Krone“ war sein Revier.
Günter zog sich hastig an, die Knöpfe seines Hemdes passten kaum in die Löcher. Er sah aus wie ein gehetztes Tier, als er den Wagen aus der Einfahrt setzte. Er brauchte keine Beweise mehr, er brauchte eine Konfrontation. Er musste in Hagens Augen sehen, ob dort das Spiegelbild seiner Frau und ihrer verschwundenen Schätze zu finden war.
Die „Goldene Krone“ roch nach abgestandenem Bier, billigem Tabak und dem herben Schweiß harter Arbeit. Als Günter die Tür aufstieß, blieb das Gemurmel der Männer für einen Moment hängen. Er wirkte in seinem feinen Sakko, bleich und mit fahrigen Augen, wie ein Fremdkörper in dieser Welt aus Holz und Glas.
Hagen saß am Kopfende des Stammtisches, ein halbleeres Glas Helles vor sich. Er sah auf, und ein langsames, fast mitleidiges Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus.
„Na, schaut euch das an“, dröhnte Hagens Stimme durch den Schankraum. „Der Herr Direktor ist wieder unter den Lebenden. Hat die Frau Doktor dich wieder gesund gepflegt, Günter?“
Die Männer am Tisch lachten pflichtbewusst. Günter schob sich auf die Eckbank gegenüber von Hagen. Seine Knie zitterten. „Ich... ich war im Kino. Also, sie war im Kino. Du warst da, Hagen. Erzähl mir, was passiert ist.“
Hagen lehnte sich zurück und verschränkte die kräftigen Arme hinter dem Kopf. Er genoss die Gier in Günters Blick, diese Mischung aus Qual und Verlangen nach Details.
„Das Kino war nur das Vorspiel, Günter“, sagte Hagen leise, während er sich ein Stück weit über den Tisch beugte. „Deine Frau... diese spröde Fassade? Die ist schneller zerbröckelt als ein alter Keks. Wir sind nach dem Film nicht direkt nach Hause. Ich hab sie in meinen Wagen verfrachtet. Auf den Autobahnparkplatz an der A7, du weißt schon.“
Günter schluckte trocken. Der Parkplatz an der A7. Kalt, dunkel, schmutzig. Das war kein Ort für Liebende, er war ein Verschlag für das Endgültige. Günter hatte davon gehört – von den flüchtigen Begegnungen im Kegel der fahlen Natriumdampflampen, vom Knirschen des Kieses unter Reifen, die niemals lange stehen blieben. Man erzählte sich, dass dort, im Schatten der schweren LKWs, die Moral im Abgasgestank erstickte. Es war ein Ort, an dem die Zivilisation nur noch aus weggeworfenen Taschentüchern und dem kalten Metall der Leitplanken bestand. Ein Ort, an dem Männer wie Hagen nicht warben, sondern forderten, und an dem Frauen wie Gudrun ihre Namen vergaßen, sobald der Motor verstummte. Das Verruchte hier war nicht elegant; es war das feuchte, schwarze Nichts zwischen den Scheinwerferkegeln, das alles verschlang, was man tagsüber heilig nannte.
„Und?“, presste Günter hervor.
„Und was soll ich sagen?“, lachte Hagen und klopfte mit der flachen Hand auf den Tisch. „Es war ein Wahnsinnsfick auf der Rückbank. Sie hat geschrien, Günter. Ich dachte, sie reißt mir das Polster aus den Sitzen. Von wegen kühle Ärztin – die Frau ist ein Tier, wenn man sie erst mal richtig anpackt. Sie hat Dinge getan, die du dir in deinen feinen Träumen nicht ausmalen kannst.“
Günter spürte, wie ihm die Galle hochstieg. Doch gleichzeitig bohrte sich der Zweifel in seinen Verstand. Die leere Schublade. Der fehlende Samtbeutel.
„Das kann jeder sagen“, stieß Günter hervor, und seine Stimme überschlug sich fast. „Ich will Beweise, Hagen! Woher soll ich wissen, dass du nicht nur aufschneidest? Dass sie nicht einfach nur höflich war und dich nach dem Film hat stehen lassen?“
Hagen fixierte ihn. Seine Augen wurden schmal und dunkel. Er griff langsam in seine Hosentasche, als wollte er etwas herausholen, hielt dann aber inne und leerte stattdessen sein Glas in einem Zug. Er wusste, dass der Samtbeutel mit den Spielzeugen in seinem Spind innerhalb der Werkstatt lag – das ultimative Druckmittel. Aber noch war nicht die Zeit, ihn zu zeigen.
„Beweise?“, wiederholte Hagen und wischte sich den Schaum vom Mund. „Du willst wirklich Beweise, Günter? Pass auf, was du dir wünschst. Der Hagen liefert immer, das weißt du. Aber wenn ich dir den Beweis liefere, dann gibt es kein Zurück mehr in dein schönes, sauberes Leben. Bist du bereit zu sehen, was deine Frau wirklich in sich aufnimmt?“
Günter starrte ihn an, unfähig zu atmen. Er war wie ein Junkie, der nach der nächsten Dosis Schmerz verlangte.
Günter beugte sich weiter über den klebrigen Tisch. „Ein Ohrring, Hagen? Das ist lächerlich. Den kann sie verloren haben, den kannst du ihr vom Kopf gepflückt haben. Ich will... ich will sehen, wie sie dich ansieht. Ich will sehen, wie sie dich berührt.“
Hagen lachte, ein kurzes, trockenes Bellen. Er holte sein neuestes iPhone aus der Tasche und legte es wie eine geladene Waffe zwischen sie auf das Holz. Das Glas spiegelte das fahle Licht der Kneipe.
„Du willst es also digital, Herr Direktor?“, fragte Hagen leise. „Du willst das hochauflösende Elend?“
„Du hast also so ein Ding, Hagen. Mach beim nächsten Mal Beweisfotos. Ich kenne ihren Dienstplan. Nächsten Mittwoch hat sie frei – nach der Nachtschicht. Ich bin im Büro, vor achtzehn Uhr bin ich nicht zurück.“ Günter zitterte jetzt am ganzen Körper, doch sein Blick war starr auf das Telefon gerichtet. „Mach eine Serie. Ich will keinen Zweifel mehr haben.“
Hagen betrachtete das Smartphone, dann Günter. Er spielte mit dem Gedanken, ihm jetzt schon zu sagen, dass er bereits ganz andere Trophäen besaß – den Samtbeutel in seinem Spind –, aber das hier war besser. Wenn er Fotos machte, gehörte Gudrun ihm doppelt. Einmal im Fleisch und einmal als Pixel auf seinem Server. Und Gudrun durfte von diesem Arrangement niemals erfahren. Für sie musste er der wilde, unberechenbare Ausbruch aus ihrem Alltag bleiben, nicht der bezahlte Fotograf ihres Ehemanns.
„Fotos also, oder auch ein Filmchen“, murmelte Hagen und steckte das iPhone wieder ein. „Das wird teuer, Günter. Das ist Spezialservice. Aber gut... wenn der Herr Direktor die Frau Doktor in Farbe und beim Turnen sehen will, dann soll er das haben.“
„Was immer es kostet“, presste Günter hervor.
Er dachte an den Mittwoch. Er sah vor seinem geistigen Auge bereits die Vorschaubilder auf seinem eigenen Display aufpoppen, während er in einer Vorstandssitzung saß. Er würde die Zahlen seiner Bilanzen sehen und gleichzeitig die Bilder seiner Frau, wie sie unter Hagen lag. Der Gedanke war wie ein Gift, das seine Adern in Brand setzte.
„Abgemacht“, sagte Hagen und erhob sich. Er klopfte Günter so hart auf die Schulter, dass dieser fast vom Hocker rutschte. „Mittwochabend hast du deine Beweise. Aber beschwer dich hinterher nicht, wenn du die Bilder nicht mehr aus dem Kopf kriegst. Manche Dinge kann man nicht mehr ungefiltert sehen, wenn man einmal den Auslöser gedrückt hat.“
Hagen verließ die Kneipe mit dem Schritt eines Mannes, der genau weiß, dass er gerade die Generalvollmacht über eine Ehe erhalten hat. Günter blieb zurück, allein mit seinem leeren Glas und dem Wissen, dass er bis Mittwoch in einer Hölle aus Erwartung und Eifersucht brennen würde.
***
Als Gudrun um kurz nach zwei die Villa betrat, schlug ihr die vertraute, leicht stickige Luft des Hauses entgegen. Sie war am Ende ihrer Kräfte. Die Not-OP hatte sich hingezogen, ein komplizierter Aortenriss, Stunden unter dem gleißenden Licht des OP-Saals, in denen sie um ein Leben gekämpft hatte, während ihre eigene Existenz gerade in den Grundfesten erschüttert wurde.
Sie fand Günter im Wohnzimmer. Er saß im Sessel, ein Buch auf den Knien, das er offensichtlich nicht las. Sein Gesicht war bleich, die Augen leicht gerötet – ein Überbleibsel des Fiebers, dachte sie, oder der Beweis für seinen Ausflug in die Kneipe.
„Du bist zurück“, sagte er, und seine Stimme klang seltsam hohl. Er musterte sie so intensiv, als wolle er jede Pore ihrer Haut scannen. Er suchte nach dem Waldparkplatz, nach dem Schmutz des Rücksitzes, von dem Hagen erzählt hatte.
„Ich bin erschöpft, Günter. Es war... schwierig“, antwortete sie und legte ihre Tasche auf den Esstisch. Sie vermied seinen Blick. In ihrem Kopf hallte noch Hagens Lachen nach, das Gefühl seiner Hände und die irritierende Leere in ihrer Nachttischschublade. Sie musste verbergen, dass sie sich in der letzten Reihe eines Kinos verloren hatte. Sie musste verbergen, dass sie sich nach der Härte sehnte, die ihr Mann ihr nie bieten konnte.
„Wie war der Film gestern?“, fragte er beiläufig, doch seine Finger krallten sich in den Buchdeckel.
Gudrun hielt inne. Ein gefährlicher Moment. „Schön. Traurig. Ich bin direkt nach dem Abspann gegangen, ich war einfach zu müde.“ Eine glatte Lüge. Sie sah ihn an und fragte sich, ob er das Zittern in ihren Knien bemerkte. „Und du? Hast du geschlafen?“
„Ja“, log er zurück, während sein Gehirn die Bilder von Hagens iPhone bereits vorwegnahm. „Das Fieber hat mich ausgeknockt. Ich habe kaum etwas mitbekommen.“
Er stand auf und trat einen Schritt auf sie zu. Er roch an ihr – nicht nach Parfüm, sondern nach dem sterilen Geruch des Krankenhauses, der jedoch eine andere, dunklere Note nicht ganz überdecken konnte. Oder bildete er sich das nur ein? War das der Geruch von Hagens Cordjacke?
„Du wirkst verändert, Gudrun“, sagte er leise.
„Es war ein langer Tag, Günter. Ich brauche eine Dusche.“ Sie wich seiner Berührung aus, eine instinktive Reaktion, die ihn wie ein Schlag traf.
Beide standen sie da, im Herzen ihres gemeinsamen Heims, getrennt durch eine Mauer aus Schweigen und Schmutz. Gudrun wollte nur das Blut und den Schweiß des Tages abwaschen, ohne zu wissen, dass Hagen ihre Spielzeuge wie Trophäen hütete. Und Günter wollte sie hassen, doch die Vorstellung des kommenden Mittwochs erzeugte eine dunkle, kranke Erregung in ihm, die er sich nicht eingestehen konnte.
„Geh nur“, sagte er schließlich. „Ich mache uns später etwas zu essen.“
Er sah ihr nach, wie sie die Treppe hinaufstieg. In seinem Kopf lief bereits der Countdown bis Mittwochvormittag. Er wusste, dass er sie jetzt noch einmal für sich hatte, aber sie gehörte ihm nicht mehr. Sie war bereits eine Leihgabe an die Gewalt, die er selbst bestellt hatte.
Gudrun stand unter dem heißen Strahl der Dusche. Sie schloss die Augen und sah für einen Moment die flackernden Lichter der Kinoleinwand vor sich, die sich mit dem grellen Schein der OP-Lampen vermischten. Das Blut an ihren Händen im Krankenhaus war real gewesen, eine technische Herausforderung. Doch das Blut, das sie jetzt in ihren Schläfen hämmerte, wenn sie an Hagen dachte, war etwas völlig anderes.
Sie wusch sich gründlich, als wollte sie nicht nur den Geruch des Krankenhauses, sondern auch das unsichtbare Brennen von Hagens Fingern auf ihrer Haut abspülen. Doch das Wasser konnte die Erinnerung nicht löschen.
Unten im Wohnzimmer saß Günter und starrte auf sein Smartphone. Er öffnete den Dienstplan seiner Frau.
Mittwoch. Frei nach Nachtschicht.
Er markierte den Tag in seinem digitalen Kalender, als würde er eine Hinrichtung terminieren. Sein Herz schlug unregelmäßig. Er dachte an Hagens iPhone. Die Vorstellung, dass dieses Gerät bald Bilder speichern würde, die er gleichzeitig herbeisehnte und fürchtete, ließ ihn fast das Bewusstsein verlieren.
Er hörte das Rauschen der Dusche von oben. Er wusste, dass sie dort nackt stand. Er hätte zu ihr gehen können. Er hätte die Tür öffnen und versuchen können, sich sein Recht als Ehemann zurückzuholen. Aber er tat es nicht. Die Aussicht auf die „Beweisfotos“ von Hagen war bereits zu einer Sucht geworden, die jede reale Nähe zu seiner Frau vergiftete.
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Liste der Episoden, die auf Sevac aktuell verfügbar sind, in der richtigen Reihenfolge:
SBS 01 Jäger
SBS 02 Beute
SBS 03 Schattenreich
SBS 04 Fleischeslust
SBS 05 Fixierung aka Klara: Erwachen
SBS 06 Transformation
SBS 07 Paranoia
SBS 08 Objektivierung
SBS 09 Entmachtung
... wird ergänzt, sobald die nächste Folge lesbar ist ...«
Kommentare: 44
Insgesamt eine schöne, informative Fortsetzung der Serie aber nicht der beste Teil davon. Ich erhoffe mir für die nächste Fortsetzung etwas mehr Spannung, Erotik und Aussichtslosigkeit.«
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